Kurzgeschichten

Ich schenke Euch jeden Monat eine Geschichte!

Dezember:   Für Kinder!


Der kleine Schneemann Zuckersüß


Die Musik auf dem Weihnachtsmarkt dudelte laut und unfreundlich über die bunten Weihnachtsbuden hinweg. Zwei Kinderkarussells drehten sich ächzend und lustlos im Kreis. Ein kleiner Junge stand schmollend vor dem Brezelstand und warf ein angeknabbertes Stück Lebkuchen in den Dreck.

Gegenüber hockte ein Schneemann auf dem Dach der Zuckerwattebude und beobachtete die Menschen.

„Oh Mann“, sagte er, „hier sind alle richtig schlecht gelaunt. Woran das nur liegt?“

„Das liegt am Wetter!“, krächzte jemand neben ihm.

Zuckersüß, so hieß der kleine Schneemann, hatte überhaupt nicht bemerkt, dass plötzlich ein großer Vogel neben ihm saß.

„Wer bist du denn?“, fragte er ihn, und ohne eine Antwort abzuwarten, plapperte er sofort weiter.

„Also, am Wetter kann es nicht liegen, das glaube ich nicht. Seit gestern regnet es nicht mehr, sogar die Sonne hat ein wenig über die Dächer geblitzt. Es ist doch schön hier. Riecht es nicht prima und hörst du nicht die wunderbare Musik? Aber mit wem rede ich eigentlich die ganze Zeit? Wer bist du?“

„Mein Name ist Rabenschwarz“, sagte der Vogel, „und ich kann dir versichern, dass das Wetter nicht schön ist. Es schneit nicht.“

„Schneit nicht?“, fragte Zuckersüß, „was bedeutet das?“

„Das heißt es fehlt Schnee.“

„Oh Mann!“, regte sich der Schneemann auf. „Du musst mir schon mehr erklären. Ich bin das erste Mal auf einem Weihnachtsmarkt und weiß noch nicht was Schnee ist.“

„Schönes kaltes Wasser fällt in großen Flocken vom Himmel und verzaubert die Stadt. Das ist Schnee. Wenn der überall herumliegt und die ganze Welt so weiß ist wie du, dann ist die Stimmung hier bombastisch und die Menschen werfen mir ab und zu sogar ein Bratwurststückchen rüber.“

„Schnee sieht aus wie ich?“ Zuckersüß machte große Augen.

„Genau wie du“, antwortete Rabenschwarz und stupste ihn mit dem Schnabel in die Seite. Dabei zog er versehentlich ein Zuckerwatteflöckchen aus dem Schneemann.

„Pft, pft“, machte er, und spuckte es aus. „Verzeihung, habe ich dir weh getan?“

Zuckersüß kicherte: „Aber nein, das kitzelt unglaublich. Kannst du das bitte noch einmal machen?“

Rabenschwarz zog vorsichtig noch ein Stückchen Watte aus dem Bauch des Schneemanns und spuckte es wieder aus. Langsam trudelte das Flöckchen zu Boden.

Der kleine Junge an der Brezelbude zupfte seinen Vater am Ärmel. „Es schneit, es schneit!“, rief er aufgeregt.

Rabenschwarz und Zuckersüß sahen sich an.

„Weißt du“, sagte Zuckersüß, „wenn der Weihnachtsmarkt vorbei ist, dann wirft mich der Zuckerwattebudenbesitzer in die Mülltonne. Das ist kein schönes Ende. Hast du nicht eine bessere Idee?“

Rabenschwarz dachte kurz nach, nickte mit dem Kopf und versprach am Abend wieder zu kommen. Dann flog er davon.

Als es dunkel war, versammelten sich viele Freunde vom Vogel Rabenschwarz auf dem Dach neben dem kleinen Schneemann Zuckersüß. Vorsichtig zerzupften sie ihn in lauter kleine Zuckerwatteflöckchen und verteilten sie über den ganzen Weihnachtsmarkt.

 

Glockenhell klang das Lachen und Kichern des Schneemanns dabei und am nächsten Morgen freute sich die ganze Stadt über den ersten Schnee des Winters.