Das Geheimnis der Baumeisterin

Fotos im Buch von Volker Stein

Detailfotos Sankt Georgen im Buch von Heidemarie Schult


November 1248 – Agnes 

Schreie gellten durch die kalte Nacht.

Eine junge Frau wand sich in Schmerzen auf ihrem armseligen Lager. Die Pflegerin neben ihr konnte nichts weiter tun, als hin und wieder mit einem Lappen über die Stirn der werdenden Mutter zu wischen.

Kinderkriegen war keine große Sache, jedes Mädchen wurde einmal Mutter, das gehörte zum Lauf des Lebens. Diese hier litt allerdings zweifellos mehr, als alle anderen, die sie bisher bei der Geburt begleitet hatte. Seit Stunden schien sie kein Stück voran zu kommen. Krämpfe schüttelten das junge Ding, und wie im Fieberwahn rief sie immer wieder nach der Mutter Maria. Ob die Angerufene aber helfen würde?

Hierher an den Stadtrand, in das Siechen- und Leprahaus, hatte sich Agnes in der Stunde ihrer Niederkunft geflüchtet. Nun lag sie ein wenig abgeschirmt von den Alten und Siechen auf dem feuchten Laken im Stroh und versuchte ein Kind durch die Geburtswege ihres zarten Körpers zu pressen.

Viel zu früh wollte es kommen, schon die Schwangerschaft bereitete ihr große Probleme. In ihrer Unerfahrenheit schob sie es auf den Zorn Gottes. Unverheiratet hatte sie das Kind durch eine Liebschaft empfangen. Von ihrer Familie war sie davongejagt worden. Vermögen besaß sie nicht, ihr weniges Geld reichte gerade, damit sie in diesem Wismarer Aussätzigenhospital unterschlüpfen konnte. Für eine Hebamme war nichts mehr übrig.

Hin und wieder reichte ihr die Pflegerin einen Schluck Wasser, zwischen zwei Wehen blieb gerade soviel Zeit dafür.

Um ihr Strohlager herum waren große Tücher aufgehängt, nicht jeder der neugierigen Hospitalinsassen sollte einen Blick auf sie werfen können. Weil aber durch die schwere Geburt in dieser Nacht niemand zur Ruhe kam, schlich immer mal wieder eine der alten Frauen herbei und lugte durch einen Spalt. Sich bekreuzigend und Gebete murmelnd verschwanden sie aber gleich wieder. Sie waren sicher, dieses Mädchen musste leiden, es hatte die Frucht in Sünde empfangen, so etwas duldete der sonst so barmherzige Herrgott nicht.

Agnes wurde immer schwächer. Die Novembernacht ging langsam in einen grauen Tag über, als sich das Mädchen ein letztes Mal aufbäumte und sie ein winziges Kind gebar. Hastig griff die Pflegerin danach. Es lebte. Feingliedrig zwar, mit einem Stimmchen wie ein Vögelchen, aber es strampelte und atmete von allein. Schnell trocknete sie es ab und legte es neben seine Mutter. „Dein Kind ist wohlauf“, sagte sie. Agnes lupfte ein wenig das Tuch, in das es gewickelt war. „Wie schön“, antwortete sie, „es ist ein Mädchen.“ „Ja“, murmelte die Frau bedenklich, „und es ist rothaarig.“ Der völlig erschöpften Mutter stahl sich trotzdem ein kleines Lächeln ins Gesicht. Ihre Liebe war Fleisch geworden.

Plötzlich zuckte sie zusammen. Sie richtete sich halbwegs auf, warf den Kopf nach hinten und schrie schlimmer, als sie es während der gesamten Geburt getan hatte. Sie zuckte und wand sich, sodass die unerfahrene Pflegerin zwar schnell noch nach dem kleinen Mädchen schnappte, dann aber panisch davonrannte. Sie kam gerade in dem Moment mit einer weiteren Schwester des Pflegepersonals zurück, als Agnes das Bewusstsein verlor.

Die Schwester scheuchte alle Gaffer fort und beugte sich über die junge Mutter. Sie hob das dünne Laken an, mit dem diese bedeckt war und erwartete die Nachgeburt zu sehen. Tatsächlich aber war zwischen Agnes Beinen der Teufel erschienen. 

 

November 1248 - Johan Rikeland 

Ratsherr Johan Rikeland schaute unwirsch von seinem Teller auf. Warum störte man ihn gerade jetzt? Hatte das nicht Zeit bis nach dem Essen? Verärgert winkte er der Magd. Ausgerechnet Hegemann kam um die Mittagszeit zu ihm? Hatte der nicht selber bei Tische zu sein? Oder gab es heute für ihn nichts zu essen? Nun musste er doch schmunzeln. Hegemann hatte eine zänkische Alte zu Hause, und wenn die in Rage kam, dann blieb meistens die Küche kalt und er ließ sich im Wirtshaus oder bei Freunden beköstigen. War es also wieder einmal soweit?

Rikeland erhob sich um ihn zu begrüßen. „Gott sei mit Dir, Arnhold, und vor allem mit der Furie, die sich Dein Weib schimpft.“

„Du hast gut reden Johan, seit Jahren lebst Du mit Deinem Sohn allein und brauchst Dich um die Frauenzimmer nicht zu scheren.“ Hegemann warf dem Hausmädchen seinen Umhang zu. „Nun, ich wäre ein glücklicher Mann, wenn meine Barbara noch leben würde. Sie war immer sanftmütig und milde gestimmt.“ „Gemach, gemach, ich wollte Dir nicht zu nahe treten, ich weiß wie sehr Du sie vermisst. Mein Kommen hat auch nicht den Zweck, mir bei Dir den Bauch voll zu schlagen. Ein Anliegen von außerordentlicher Wichtigkeit führt mich zu Dir.“

Rikeland ließ trotzdem einen zweiten Teller bringen, und sein Freund und Geschäftspartner strafte augenblicklich seiner Aussage Lügen. Er griff nach dem größten Stück Fleisch und schlug sofort seine kräftigen Zähne hinein. Rikeland lachte. „Du könntest einen ganzen Hammel verschlingen, Arnhold, und das ohne auch nur ein Messer in die Hand zu nehmen. Woher hast Du nur dieses Gebiss? Unter Deinen Vorfahren muss ein Wolf gewesen sein. Ich wünschte ich hätte auch solche Zähne.“

„Das wünschte ich auch, dann könntest Du diese öfter einmal in den Versammlungen Eures Stadtrates zeigen.“ Zwischen den einzelnen Bissen holte Hegemann immer wieder tief Luft und empörte sich heftig. „Du bezeichnest Dich als meinen Freund, aber wenn es darauf ankommt, dann lässt Du mich im Ungewissen. Mir ist etwas zu Ohren gekommen, das Du mir erklären musst. Der Rat soll die Auflösung des Hospitals von Sankt Jürgen besprochen haben? Wie geht das an? Ihr werdet mich ruinieren. Seit Jahren spende ich regelmäßig 60 Scheffel Getreide und nach jedem Braugang ein Fass Bier für die Bedürftigen. Ich bin Pfründner, das weißt Du genau. Schon meine Eltern hatten sich in Sankt Jürgen eingekauft, und auch ich gedenke mich im Alter dort versorgen zu lassen. Sogar testamentarisch habe ich das geregelt. Mein Seelenheil und das meiner Familie ist mir einiges wert.“

Noch immer riss er an dem Fleischbrocken, als gelte es das Tier im Nachhinein noch einmal tot zu beißen.

„Ruhig, lieber Freund.“ Rikeland versuchte besänftigend auf ihn einzureden. „Da wurde Dir nur die Hälfte erzählt. So kommt es, wenn man Neuigkeiten aus zweiter Hand vernimmt. Ein Ratsmitglied kann es Dir nicht zugetragen haben, sonst wüsstest Du die ganze Geschichte.“

„Drum frage ich Dich, was ist dran an dieser Sache?“

„Im Grunde, und das weißt Du auch, sind die Sitzungen des Rates nicht öffentlich. Wer immer Dir etwas daraus berichtet hat, der durfte es nicht. Auch ich würde unrechtmäßig handeln.“

„Red nicht herum.“ Arnhold Hegemann wurde unwirsch. „Noch nie habe ich Dich um solcherlei gebeten. Hier steht aber meine Zukunft, die meiner Familie und ein beträchtlicher Teil meines Vermögens auf dem Spiel. Bist Du mein wahrer Freund? Dann sprich.“

„Na gut, ich weiß Du wirst mich nicht anschwärzen“, Rikeland rief die Magd und bat um einen frischen Krug Bier für beide, dann hub er an zu sprechen.

„Wismar hat sich in den letzten Jahren prächtig entwickelt. Du selbst weißt, wie gut Deine Geschäftsbeziehungen laufen. Die lübischen Händler reißen Dir das Bier fast aus den Händen, und nicht nur die, ich hörte Du hast feste Abnehmer in Köln und liebäugelst sogar mit dem Osten. So geht es vielen hier, die Geschäfte laufen mehr als gut, der Markt quillt über von heimischen Produkten. Im Hafen liegen Schiffe aus fremden Ländern und Kaufleute bieten Waren feil, die ich noch nie gesehen habe. Kurzum, unsere Stadt wächst. Aus diesem Grund erwägt der Rat eine Stadterweiterung. Wir gedenken sie nach Südwesten hin auszudehnen.“

„Also, doch“, erboste sich Hegemann, „die Stadt soll wachsen und das Aussätzigenhospital muss weichen, oder habt Ihr etwa beschlossen, dass es künftig innerhalb der Stadt bleiben darf?“

„Nun, zu Deiner Beruhigung, das Hospital wird verlegt. Westlich von Wismar, am Handelsweg nach Lübeck gibt es Ländereien, die wie geschaffen für ein neues Leprosorium sind. Deine Pfründe werden übernommen, und Du hast die Gewissheit, dass das neue Hospital besser gebaut wird als die erbärmliche Hütte bei Sankt Jürgen.“

„Was aber soll mit dem Friedhof und der alten Kapelle geschehen?“ Arnhold Hegemann kaute nun schon gelassener an dem Fleisch herum. Er war ein stattlicher Kerl, wenn er zum Essen auftauchte, konnte man sicher sein, dass kein Häppchen übrig blieb.

„Der Rat hat beschlossen ein neues Kirchspiel zu bauen, daher wird die Kapelle vorerst bleiben, aber wir werden eine neue Bürgerkirche bauen und somit wird auch der Friedhof weiterhin von der Stadt betrieben.“

„Wie viele Seelen leben eigentlich hier?“

„So an die viertausend mögen es wohl sein.

„Das ist ja eine beträchtliche Anzahl, da sind doch viele Töchter aus guten Häusern dabei, hat denn Dein Sohn noch immer keine Braut gefunden?“

„Bernhard ist nach Flandern unterwegs und versucht neue Handelsbeziehungen aufzubauen. Ich hoffe sehr, dass ihm dort eine Jungfer gefällt. Ich habe ihn bei meinem alten Freund Heesten einquartiert. Der hat gleich zwei liebreizende Töchter und die Mitgift kann sich auch sehen lassen.“

Hegemann lachte. „Als ob er die nötig hätte, Deine Geschäfte laufen seit Jahren mehr als gewinnbringend. Wer auch immer in Deine Familie einheiratet, wird es gut haben. Bernhard ist ein braver Bursche, Geld wird er genug erben und gesund ist er allemal. Aber zurück zur geplanten Stadterweiterung. Meinst Du es lohnt sich, innerhalb des neuen Kirchspiels ein Haus zu bauen?“

„Das könnte sehr wohl sein, ich selbst trage mich mit dem gleichen Gedanken. Darüber können wir aber ein anderes Mal reden, jetzt verrate mir endlich, wer Dir von dem Ratsbeschluss erzählt hat, diese Antwort bist Du mir schuldig. Heraus mit der Sprache, wer ist der Schwätzer?“

„Oh, das kann ich Dir gar nicht sagen. Ich habe vor einer Stunde im Roten Ochsen gegessen und am Nachbartisch ein Gespräch belauscht.“

„Du hast vor einer Stunde erst gegessen und frisst mir hier den Hammelbraten weg? Gütiger Gott Arnhold, Dich darf man nicht leichtfertig zu Tische bitten, da wird man schnell arm. Wer waren die Männer die Du beobachtet hast?“

„Ich kenne sie nicht, sie trugen gutes Tuch am Leib und sahen wohlhabend aus. Einer von ihnen hatte einen merkwürdigen Namen, er wurde von dem Anderen Jokoff genannt. Mehr kann ich Dir zu den beiden nicht sagen. Sie flüsterten sehr eindringlich miteinander.“

„Jokoff? Man erzählt sich, dass in der Familie Moderitz seit Generationen nur Jungen geboren werden, und damit das so bleibt, kriegen sie alle einen Namen mit J verpasst. Du kennst doch auch Jorge, Jost und Jesco. Ob dieser Jokoff wohl dazugehört? Es gibt noch einen Jander, und der ist Mitglied im Stadtrat. Sollte der sich erdreisten, die Ratsbesprechungen mit seinen Brüdern auszuwerten?“

Rikeland kam nicht dazu seine Gedanken weiter auszuführen. Trine, die Magd, bat ihn ins Kontor zu kommen, die alte Benedicta wolle ihn sprechen.

Als hätte ihn ein wildes Tier angefallen, sprang er vom Tisch auf und riss dabei den Bierkrug um. Das der Inhalt sich über den Teller und die lederne Hose seines Gastes ergoss schien ihn nicht zu stören. Hastig durchquerte er den Raum und polterte die Stufen zur unteren Etage hinunter.

Hegemann blieb verwundert zurück und schüttelte den Kopf. Was war nur in seinen Freund gefahren? Die alte Benedicta war weiß Gott kein Weib, deretwegen ein Mann den Kopf verlieren konnte. Mindestens sechzig Jahre musste sie schon zählen, er würde sich glücklich schätzen, wenn er dieses Alter jemals erreichen sollte.

Der Tisch war vom Bier triefend nass, seine Hose durchgeweicht, aber das hielt ihn nicht davon ab, sich das letzte Stück Braten zu angeln und es genüsslich zu verschlingen. Johan würde schon wiederkommen, bis dahin hatte er Muße noch die Kanne Bier zu leeren.

Johan Rikeland stand unterdessen atemlos vor der Frau und herrschte sie an. „Was hast Du mir zu geben, Vettel, her damit, schnell, schnell.“

Die Alte wühlte unter ihren Röcken einen Beutel hervor und griff hinein. Die Sache schien ihr selber nicht geheuer, und so hielt sie ihm zaghaft zwei kleine Engelsfiguren hin, eine schwarze und eine weiße. Rikeland griff sich ans Herz und taumelte zurück. Damit hatte er nicht gerechnet, welch ein Unglück. Es schien ihm gewiss, dass seinem Hause ab sofort böses Unheil drohte. Zitternd bedeutete er Benedicta den schwarzen Engel auf einen Tisch zu legen. „Den anderen, den bring zurück, und sag, ich bin zur selben Zeit am bekannten Ort.“

Dann sackte er auf einem Stuhl zusammen. So fand ihn wenig später Arnhold Hegemann, der sich anschickte heimwärts zu gehen. 

 

März 1250 - Jokoff Moderitz 

Eisig pfiff der Wind durch die Bäume.

Der Winter war mit ganzer Härte noch einmal zurückgekehrt und machte allen das Leben schwer. Die Tiere in Wald und Flur hatten sich verkrochen, und die Menschen taten es ihnen gleich. Wer nicht unbedingt musste, der blieb in Haus oder Hütte und hielt sich warm, soweit er noch irgend etwas besaß, das er verfeuern konnte.

Diese unwirtliche Zeit war aber auch die Zeit der Halunken und Verbrecher. Niemand sah sie, wenn sie sich nachts durch die Städte und Dörfer stahlen. Die Menschen hatten alle Fensterläden verbarrikadiert, um dem Wind keinen Einlass zu gewähren.

In einer solchen Nacht schlich eine Handvoll düsterer Gestalten etwa zwei Wegstunden von Wismar entfernt durch das Gehölz einer Niederung. Hier verlief die sonst stark belebte Handelsstraße nach Lübeck. In der heutigen Nacht ließ nicht einmal ein Käuzchen seine unheilvollen Schreie hören.

Die Männer froren erbärmlich, aber der Gedanke an das, was sie vorhatten, ließ sie die Kälte ertragen. Im Schutz einer Baumgruppe lauerten sie auf ihr Opfer.

Dieses sollte Bernhard Rikeland sein, der unvorsichtigerweise in einer Schänke Lübecks geäußert hatte, dass er noch in der kommenden Nacht weiter nach Wismar reisen wolle. Er sei jetzt kurz vor der Heimat, und könne nicht abwarten endlich wieder zu Hause zu sein. Zwei Jahre war er unterwegs, vornehmlich in Flandern um Tuch einzukaufen und für das Geschäft seines Vaters neue Handelspartner zu finden. Die Männer am Tisch hinter ihm beachtete er nicht. Das hätte er aber besser getan, dann wäre ihm Jokoff Moderitz aufgefallen, der mit seinen Brüdern eilig aufbrach, noch bevor sie ihr Bier gänzlich ausgetrunken hatten.

Nun horchten sie in die Nacht hinein und brauchten auch nicht lange zu warten. Schon bald ertönte das Rumpeln des Pferdegespannes, und trotz des pfeifenden Windes vernahmen sie die heitere Unterhaltung Bernhard Rikelands und seines Begleiters. Die beiden schienen, wie ihre Pferde, den heimischen Stall schon fast zu riechen. Sie lachten ausgelassen.

Die Pferde scheuten plötzlich und zwei Männer griffen ihnen in die Zügel. Zwei andere hangelten sich sofort auf den Wagen, während ein Fünfter sich breitbeinig vor dem Fuhrwerk aufbaute.

„Sei gegrüßt, Bernhard Rikeland, warst lange weg.“

„Jokoff Moderitz, warum stellst Du Dich mir in den Weg wie ein Wegelagerer? Mach Platz, ich habe es eilig.“

„Eilig um zu Deinem Liebchen zu kommen?“

„Ich war mehr als zwei Jahre unterwegs und freue mich auch darauf Agnes wiederzusehen, ja, das ist richtig. Und wenn sie immer noch will, dann wird sie meine Frau.“

„Meine Schwester wirst Du nicht bekommen, die Familie hat sie ausgestoßen, verjagt, sie lebt jetzt im neuen Hospital vor den Toren der Stadt.“

„Nur weil sie mich liebt und Ihr mich nicht leiden könnt? Du und Deine Familie, Ihr seid gottlos und brutal. Ich werde sie da sofort rausholen und zu mir nehmen.“

„Das sollte Dir schwerfallen, sie ist ehrlos, Dein Vater wird es nicht dulden, dass Du eine Hure mit einem Kind bei Dir aufnimmst.“

„Ein Kind, wieso ein Kind?“

„Ach, tu nicht so als wissest Du es nicht, hast sie erst geschwängert, und Dich dann aus dem Staub gemacht. Hättest sie vorher heiraten sollen. Unsere ganze Familie hat unter ihrem Fehltritt zu leiden. Viele haben sich von uns abgewandt. Du bist der Schuldige und wirst dafür zahlen.“

„Von dem Kind wusste ich nichts, mein Vater hat mir nie Nachricht davon gegeben und auch von Agnes habe ich nichts gehört. Wenn es mein Kind ist, habe ich einen Grund mehr, schnell nach Hause zu kommen. Gib den Weg frei Jokoff, wir unterhalten uns ein anderes Mal.“

„Nichts da, runter von dem Wagen, keinen Schritt werden die Pferde Dich mehr in Richtung Wismar bringen.“

„Was soll das? Lass mich des Weges ziehen, ich werde die Dinge richten, sobald ich angekommen bin.“

„Du wirst nichts weiter tun als vom Wagen zu steigen und der Vogel neben Dir auch.“

Bernhard Rikeland hatte keine Wahl, die Kerle auf dem Wagen zwangen ihn und seinen Knecht hinunterzuklettern.

„Versündige Dich nicht Moderitz, Du willst uns doch nichts antun?“

„Oh nein, so dumm bin ich auch nicht. Niemand von uns wird Hand an Euch legen. Meine Brüder und ich sind ehrbare Männer. Wir krümmen Euch kein Haar.“

„Was willst Du dann?“

„Ich wollte Dir nur sagen, wie leichtfertig es ist, bei diesem Wetter mit so wenig Bekleidung zu reisen.“

„Wovon sprichst Du?“

„Ausziehen!“

„Was?“

„Runter mit den Klamotten!“

Um der Aufforderung Nachdruck zu verschaffen, schnappten sich zwei Brüder von Jokoff Moderitz den vor Angst schlotternden Knecht und entrissen ihm den Umhang. Eh es sich der arme Bursche versah, war er auch seines Schuhwerkes und des Wamses entledigt. Mit einem schnellen Messerschnitt durchtrennte ihm einer der Männer den Gürtel und die Hose rutschte zu Boden. Zitternd stand er im eisigen Sturmwind.

„Um Gottes Willen was macht ihr da?“ Bernhard Rikeland schrie auf. „Er wird sterben!“

„Und Du hoffentlich auch“, erwiderte Jokoff Moderitz und bedeutete ihm seine Kleidung abzulegen. „Mach hin, uns ist kalt, wir wollen nach Hause ins angewärmte Bett.“ Die Männer grölten bei diesen Worten und schlugen sich vor Lachen auf die Schultern.

Bernhard Rikeland zog langsam seine Sachen aus. Er hatte keine Chance gegen die fünf wehrhaften Brüder.

Die warfen inzwischen die Klamotten auf den Wagen, kletterten hinauf und schickten sich an davonzufahren.

„Wartet!“, rief Bernhard. „Wartet, ihr könnt uns nicht einfach hier stehen lassen!“

„Doch, können wir und machen wir. Eine bessere Gelegenheit Dich ohne Blutvergießen aus der Welt zu schaffen, kriegen wir nicht wieder. Wir werden Dich und den Rest Deiner Familie ausrotten. Ihr wart uns schon immer im Weg. Schönen Abend noch.“

Jokoff wendete das Fuhrwerk und fuhr laut lachend zurück in Richtung Lübeck. Nach ein paar Metern drehte er sich um und rief: „Ach übrigens, Deine Tochter heißt Ghese, sie kann längst laufen und ist ein richtiger roter Teufel.“

Fassungslos starrten die beiden nackten Männer dem Karren hinterher. Sie begannen zu rennen und wollten hinten aufspringen, wurden aber mit kräftigen Peitschenhieben abgedrängt.

Mit dem Wagen waren es etwa zwei Stunden bis Wismar. Zu Fuß, bei dieser Kälte und ohne Zeug auf dem Leib, war es unmöglich den Weg zu schaffen. Frost hatte eingesetzt und ließ sehr schnell alles gefrieren.

Aufgeben wollten sie nicht, deshalb setzten sie einen Fuß vor den anderen. Wie weit kamen sie aber? Nach ein paar hundert Metern brachen sie zusammen. Es begann zu schneien und die Nacht breitete ein Leichentuch aus.

 

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Eine Woche später wurde Johan Rikeland unruhig. Schon seit langem hatte er seinen Sohn zurückerwartet. In der letzten Botschaft stand, dass er eine Tagesreise von Lübeck entfernt sei und von dort noch ein Fass Rotspon mitbringen wolle. Ob er wohl zuviel davon gekostet hatte? Rikeland schmunzelte kurz. Nein, so einer war der Bernhard nicht, auf ihn konnte man sich verlassen. Trotzdem, irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht.

Er konnte seinen Freund Hegemann überzeugen, mit ihm auf die Suche zu gehen und so ritten sie gemeinsam gen Lübeck. 

 

Gallus Sympathicus - Der Erzähler 

Meine Vorfahren haben erlebt, dass Wismar Mitte des 13. Jahrhunderts aus allen Nähten platzte. Die Bürger waren fleißig, der Handel florierte, die Stadt wurde wohlhabend. Neue Wohnhäuser und Geschäfte mussten her. Man erbaute sie im Bereich der heutigen Neustadt.

Mit der Errichtung der Pfarrkirche Sankt Georgen (niederdeutsch: Sankt Jürgen), welche, mit modernen Maßstäben gemessen, einer besseren Dorfkirche entsprach, wurde die erste Bauperiode einer neuen Hallenkirche eingeleitet. Man baute fortschrittlich, aber teuer, aus Stein.

Zur selben Zeit tauchte auch der erste meiner Ahnen in Wismar auf.

Wer ich bin?

Nun, mein Name ist Gallus. Das wird Ihnen möglicherweise nicht viel sagen. Um mehr über mich zu erfahren, können Sie in der Geschichte der Stadt Wismar forschen, oder aber diesen Roman bis zum Ende lesen. Ich werde Sie dabei begleiten und das historische Wissen meiner Vorfahren sehr gerne mit Ihnen teilen.

Eines noch, auch wenn meine Familie seit Jahrhunderten in Wismar ansässig ist, schließe ich doch verwandtschaftliche Verbindungen zu irgendeinem der geneigten Leser völlig aus. 

 

März 1250 – Die Opferhand 

Die Ratsleute tobten.

Noch nie war ein solch frevelhafter Antrag auf ihren Tisch gekommen.

Der Bürgermeister griff immer wieder zur Tischglocke und mahnte die aufgebrachten Männer sich zu beruhigen. Sein lauter volltönender Bass wurde allerdings vom Geschrei der anderen erstickt.

Einzig Johan Rickeland saß still am Tisch und starrte mit glasigen Augen vor sich hin..:

Am lautesten schrie Jander Moderitz seinen Zorn hinaus, aber das hatte Rikeland nicht anders erwartet. Nur, dass auch sein Freund Hegemann in den Chor der Entrüstung einstimmte, das befremdete ihn.

Vielleicht aber war ja das, was er da verlangte, und dem Rat auf einem Stück Pergament vorgelegt hatte, tatsächlich ein Frevel.

Er nahm das Blatt an sich, stand auf und augenblicklich war es totenstill in der Ratsstube. „Ich wiederhole noch einmal mein Ansinnen“, sprach er und las das Schreiben langsam vor.

 

„Ich, Johan Rikeland, der Unterzeichner gar selbst, leibhaftig

und bei geistiger Unversehrtheit, verlange Aufklärung

über die grausame Ermordung meines Sohnes Bernhard.

Seine seelenlose Hülle werde ich auf dem Kirchhof von

Sankt Jürgen der Erde wiedergeben.

Mit diesem Schriftstück aber beantrage ich Folgendes:

Vor der Beisetzung meines Sohnes soll seinem Leichnam die

rechte Hand abgenommen und in der Kirche für jedermann sichtbar

aufbewahrt werden.

Sie wird ein Zeichen für die Anklage dieser barbarischen Tat sein,

ein Zeugnis für meinen Willen, nicht eher zu ruhen, bis der elende

Schurke gefasst ist, der den letzten Erben der Familie Rikeland

ausgelöscht hat.

Wenn der Mörder überführt, verurteilt und gerichtet ist, dann erst darf

auch die Hand des Opfers ihren Frieden finden und seinem leblosen

Körper zurückgegeben werden.

Wird er weder gefunden noch bestraft, so soll sie ruhelos den Verbrecher

verfolgen, seine Familie ins Unglück stürzen und über die Jahrhunderte

allen Menschen Kunde von diesem schrecklichen Ereignis geben.

 

Johan Rikeland, Tuchhändler zu Wismar

Anno 1250, im März

 

Wieder brandete eine Woge der Entrüstung auf. Man beschimpfte ihn übel, Ketzer und Gottesverächter waren noch die harmlosesten Beleidigungen, welche man ihm an den Kopf warf. Einer griff gar auf den Teller und warf einen Fisch nach ihm, aber Rikeland blickte so stur und hart in die Augen seiner Ratsbrüder wie zuvor. Ihn konnte man nicht mehr verletzen, mit Nichts, und schon gar nicht mit Worten. Als ihn ein Becher mit Bier traf, schüttelte er seinen Umhang ab und verließ die aufgebrachte Meute. Für ihn war die Ratssitzung heute beendet.

Sein Freund Hegemann lief ihm nach.

„Wie konntest Du das nur tun? Wie konntest Du dem Rat ein solches Anliegen unterbreiten, ohne vorher mit mir darüber zu sprechen? Ich bin Dein ältester Freund, wir haben zusammen Deinen Sohn gesucht und seinen erfrorenen Körper am Wegrand gefunden. Meine Arme haben Dich an diesem Tag nach Hause getragen, sonst wärest Du neben ihm zu Grunde gegangen. Warum übergehst Du mich?“

„Du hättest mich liegen lassen sollen, neben Bernhard zu sterben wäre die Erfüllung meines Lebens gewesen. Zugegeben, verachtenswert, aber mein Leid von jenem Moment an kannst Du nicht ermessen. Was nützt mir ein Freund, und sei er noch so aufrichtig, was nützt Du mir, habe ich doch alles verloren. Was sollte ich tun? Was, was? Ein Wort von mir, und es wäre gewiss, dass Du mir tagelang dieses Ansinnen an den Rat ausreden würdest. Ich habe doch gehört wie Du Dich eben in der Versammlung ereifert hast, mitgeschrieen mit den anderen und mich angeschaut, als wäre ich der Leibhaftige persönlich. Glaube mir, den fürchte ich nicht, er saß ja mitten unter uns.“

„Johan wie meinst Du das?“

„Ach Arnhold, Du weißt so gut wie ich wer meinen Sohn umgebracht hat. Kann ich mir aber erlauben den Verdacht zu äußern? Wer steht auf meiner Seite? Du etwa?“

„Lieber Freund, denn das bist Du immer noch, und kannst meiner Freundschaft sicherer sein, als jemals zuvor. Wie konnte ich mich im Rat auf Deine Seite stellen? Mich selbst hast Du mit diesem Ansinnen völlig überfahren. Mag es Gott gefallen oder nicht, ob es den Ratsbrüdern behagt ist einerlei, aber mir gefällt Dein Vorschlag mit der Opferhand. Du hättest mich ins Vertrauen ziehen sollen und gemeinsam wären wir vielleicht geschickt genug gewesen, sie wenigstens nachdenklich zu stimmen. Jetzt schreien sie nur rum und bewerfen Dich mit Schmutz. Sicher, ich habe eben mit der Meute geheult, aber das gab mir Gelegenheit sie alle gründlich zu beobachten, und Du hast völlig recht, der getroffene Hund bellte am lautesten.“

„Danke Arnhold, ich glaubte auch Dich verloren zu haben. Wer steht für die Toten ein? Niemand wird sich den Brüdern Moderitz in den Weg stellen. Zuviel ist in den letzten Jahren geschehen, und seit Jander im Rat sitzt, gibt es immer mehr ungeklärte Vorfälle. Auch der tote Knecht tut mir leid. Niemand trauert um ihn, ein Bursche ohne Familie, wen schert es schon wenn so einer ermordet wird. Verscharren werden sie ihn irgendwo. Mich graust es.“

„Du warst schon immer ein Menschenfreund Johan, ich weiß, dass es den Knechten und Mägden bei Dir gut geht, soviel Glück haben nicht viele. Lass uns jetzt gehen, aber nicht in Dein Haus, da versinkst Du nur in Trübsal. Komm mit zu mir, ich will etwas mit Dir besprechen, es wird Dich erfreuen.“

 

Sie machten sich auf den Weg, während im Rathaus immer noch große Aufregung herrschte. Allerdings schrien sich die Männer nicht mehr an, die Person, gegen die sich ihr Groll richtete, hatte die Versammlung längst verlassen. Das Pergament hatte Rikeland auch mitgenommen, so dass man nicht genau wusste, wie nun zu verfahren war. Eine solche Situation hatte es im Rat noch nicht gegeben.

Sie beschlossen mehrheitlich das Anliegen auf sich beruhen zu lassen. Ihre Abneigung dagegen hatten sie überdeutlich gezeigt und insgeheim hoffte jeder, dass der Antragsteller von seinem Vorhaben absehen würde. Vielleicht hatte er ja nur ein paar Becher Wein zuviel getrunken und käme in den nächsten Tagen zu sich. Der tragische Tod seines Sohnes schien ihm ohnehin die Sinne verwirrt zu haben.

 

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Der Winter nahm 1250 tatsächlich kein Ende. Er war so eisig, dass die Krähen mit leisem Knacken von den Bäumen fielen. Johan Rikeland spendete viel für die Armen und Kranken in den Hospitälern der Stadt. Besonders Sankt Jacob hatte es ihm angetan. Er brachte nicht nur Essen und Kleidung dorthin, auch Feuerholz, wärmende Decken, Kräuter und sogar Kinderspielzeug beschaffte er. Er tat es nicht zuletzt eines kleinen Mädchens wegen, das dort völlig verarmt mit seiner Mutter lebte und seine Enkelin war. Auch wenn er sich nicht zu ihr bekennen konnte, niemand wusste von dem Kind, so war sie doch ein Teil seiner Familie, die Tochter seines toten Sohnes. Oft plagten ihn Vorwürfe, ob seiner Hartherzigkeit, als er Bernhard verbot die Schwester der Moderitzbrüder zu ehelichen. Wäre alles anders gekommen, wenn er Agnes als Schwiegertochter aufgenommen hätte? Er versuchte zu tun, was ihm möglich war, um dieses Hospital vor den Toren der Stadt zu versorgen.

Für Einen konnte er nichts mehr tun, er konnte ihn nicht einmal anständig in Gottes Erde bringen, es war einfach zu kalt, um sein Grab auszuheben. So lag Bernhard steifgefroren in der kleinen Kapelle der Holzkirche von Sankt Jürgen und wartete auf seinen Einzug ins Paradies.

 

Eines Nachts huschten zwei vermummte Gestalten durch Wismars Gassen. Die Gesichter waren mit Kapuzen und Tüchern verhüllt, schwere Wollumhänge machten es unmöglich zu erraten, wen sie verbargen. Vielleicht hätte man sie am Gang erkennen können, aber wer achtete in diesem Winter auf nächtliches Treiben in der Stadt. Der Nachtwächter war gerade in der Nähe des Hafens, als die beiden den Kirchhof von Sankt Jürgen betraten. Einer holte eine Gerätschaft unter seinem Umhang hervor und hebelte mit einem Ruck die einfache Holztür der Kirchenkapelle auf. Sie schlüpften hinein und als wäre Gott mit ihnen, knarrte sie kein bisschen. Im Inneren entzündeten sie eine Kerze und schwacher Lichtschein erhellte den Raum. Eilig begaben sie sich zu dem Sarg, welcher in der Mitte stand und mit einem weißen Tuch bedeckt war.

„Verzeih mir mein Sohn!“ Johan Rikeland war es, der den Deckel anhob und beiseite schob. Er murmelte ein Gebet und starrte dem Toten ins Gesicht. „Schnell, schnell“, mahnte ihn sein Begleiter, der nur Arnhold Hegemann sein konnte, und zog eine Säge hervor. „Du musst es schnell tun, der Nachtwächter wird nicht lange brauchen, bis er hier ist. Rikeland bekreuzigte sich und griff nach dem Arm seines Sohnes. Er holte noch einmal tief Luft, setzte das Werkzeug am Handgelenk an und sägte mit kräftigen Bewegungen die Hand ab.

„Gott sei mit Dir!“ Die Männer flüsterten nur leise, richteten den Sarg wieder her und verschwanden so still, wie sie gekommen waren.

Am nächsten Morgen regnete es kräftig, die Temperatur war gestiegen, der Schnee schmolz sehr schnell und Wismar glich einer einzigen Schweinesuhle.

Der Pastor von Sankt Jürgen stapfte durch den Dreck der Straßen und schimpfte leise vor sich hin. Nicht einmal die hölzernen Trippen, die er sich unter die Füße geschnallt hatte, konnten den Schlamm und Unrat von seinen Kleidern fernhalten. Das würde wieder einen Schmutz in seiner Kirche geben. Ungeduldig fummelte er mit dem großen eisernen Schlüssel im Schloss herum und war über die offene Tür sehr erstaunt. Als er aber feststellte, dass alle Kerzenleuchter an ihrem Platz waren und auch sonst nichts fehlte, selbst der Opferstock war unberührt, gab er nichts darauf. Wahrscheinlich hatte er einfach am Abend vorher vergessen zuzusperren. Er wurde alt, das schien ihm verzeihlich.

Wichtig für ihn war, dass der Sarg endlich unter die Erde kommen würde. In ein paar Tagen taute der Boden sicherlich tief genug und es konnten Gräber geschaufelt werden. Es gab viele Tote in diesem Winter, er zeigte sich unbarmherzig.

 

Niemandem der Trauergäste fiel während der Beerdigung von Bernhard Rikeland auf, dass der Sarg geöffnet worden war. Niemand wollte noch einmal hineinschauen und niemand ahnte, dass darinnen etwas fehlte.

Überhaupt gestaltete sich das Begräbnis eigenartig. Die Familie Rikeland hatte einen ehrbaren Namen in der Stadt und weit darüber hinaus. Zahlreiche Trauergäste erschienen und der kleine Kirchhof war von Menschen gänzlich überschwemmt. Trotzdem stand Johan einsam an dem offenem Grab. Nur Hegemann gesellte sich zu ihm. Sämtliche Ratsherren waren anwesend, blickten aber allesamt betreten zu Boden und tätigten nicht mehr als die üblichen Beileidsbekundigungen. Insgeheim war jeder froh, dass das unsägliche Anliegen nicht wieder zur Sprache kam und Rikeland anscheinend den schmerzlichen Verlust anderweitig verarbeitete. Die ganze Stadt schien von der eskalierten Ratssitzung zu wissen und die Bürger tuschelten und redeten. Sie taten nur eines nicht, keiner sprach von der Aufklärung des feigen Mordes, niemand fragte, ob er helfen könne. Alle schienen in eine ängstliche Starre verfallen zu sein.

Nachdem der Pastor seine Rede beendet hatte verschwanden die Menschen so schnell es der Anstand eben noch zuließ. Der Regen tat ein Übriges und vertrieb selbst diejenigen, die vielleicht doch mehr als „mein Beileid“ murmeln wollten. Nur die Brüder Moderitz gaben sich den Anschein von besonderer Betroffenheit und schüttelten Johan, der die ganze Zeit nur still und in sich gekehrt dastand, aufdringlich die Hand. Jokoff sagte: „Du solltest nach Hause gehen und Dich an ein wärmendes Feuer setzen, diese nasse Kälte kann tödlich sein.“

Rikeland zeigte mit einer einzigen Bewegung, dass er mitbekam, was um ihn herum geschah. Er drosch Jokoff seine Faust ins Gesicht.

In einer entfernten Ecke des Friedhofes zuckte eine junge Frau ob dieses Schlages zusammen. Es war Agnes Moderitz, die sich nicht näher herantraute. Von der Liebe zu Bernhard Rikeland war ihr nur das Töchterchen Ghese geblieben. Ihre Brüder sollten sie hier nicht weinen sehen. Konnte sie überhaupt noch weinen? Vielleicht; wenn alle fort waren, vielleicht konnte sie dann in aller Stille Abschied nehmen. Völlig durchnässt verbarg sie sich zitternd hinter einem höheren Grabstein. Seit Stunden hockte sie hier und wenn der Regen nicht bald aufhörte und Johan Rikeland nicht nach Hause ging, dann konnte sie sich gleich zu ihrem toten Geliebten legen. Sie begann leise zu husten. 

 

März 1254 – Der Entschluss 

Genau vier Jahre war es nun her, dass er seinen Sohn begraben musste.

Ratsherr Johan Rikeland stand auf dem Kirchhof und blickte auf die Grabplatte zu seinen Füßen. Die Freude war nicht in sein Leben zurückgekehrt.

Hegemann, der nach wie vor zu ihm hielt, hatte inzwischen einen Enkelsohn bekommen. In seinem Hause war immer etwas los. Der Kleine konnte schon prima sprechen und bettelte Onkel „Rike“ immer um eine Kleinigkeit an. Eine Honigwabe, einen Apfel oder ein gekochtes Ei hatte der immer dabei, wenn er zu seinem alten Freund ging. Heute freilich war der dritte Geburtstag des Knaben und unter Rikelands Umhang zappelte das Geburtstagsgeschenk sehr ungeduldig. Ein kleiner Hund versuchte sich aus dem Griff Johans zu befreien.

Dieser verabschiedete sich im Stillen von seinem Sohn und begab sich schnellen Schrittes in Richtung Neustadt.

Das Stadtgebiet war gewachsen, neue Bürger hatten sich dort sehr schnell angesiedelt und auch Rikeland und Hegemann bauten sich an einer der Gruben, die zum Hafen führten, neue Häuser aus guten Hölzern. Der Handel florierte, Wismar platzte längst aus allen Nähten und das Kirchspiel, von dem vor ein paar Jahren nur geredet wurde, nahm langsam Formen an. Eine neue Stadtkirche wollten die Bürger errichten, ganz nah bei der Marienkirche sollte sie stehen, der Platz dafür war schon ausgesucht.

Ach, was sollte es, heute wollte er sich nicht mit Gedanken an Kirchen und derlei Kram befassen. Heute sollte gefeiert werden, und er war auch schon angekommen im Hause des Geburtstagskindes und schritt soeben durch das offen stehende Tor in die Diele. Sofort stürzte ein kleiner Wirbelwind auf ihn zu und bestürmte ihn mit Fragen. „Onkel Rike, was hast Du mir heute mitgebracht? Ist es etwas Großes? Weißt Du, ein Apfel reicht heute nicht, ich habe Geburtstag und möchte etwas ganz Schönes von Dir haben. Was hast Du da unter Deinem Umhang? Hui, es bewegt sich, muss ich davor Angst haben?“

Der Bursche ging vorsichtig auf Abstand.

„Nein, nein“, sagte Johan Rikeland, vor dem hier brauchst Du Dich nicht zu fürchten und zog den Welpen hervor. „Schau wie ängstlich er selber ist, angepinkelt hat er mich.“ Er hob das Tierchen hoch und es tropfte immer noch von seinem Bauch herab. „Hier nimm ihn, ich schenke ihn Dir Gottfried, behandele ihn gut und wenn Du lieb zu ihm bist, dann wird er sein ganzes Leben lang ein guter Freund für Dich sein.“

Gottfried kam vorsichtig näher und sah dem kleinen Hund in die Augen. Dieser nutzte die Gelegenheit und schleckte seinem neuen Herrchen quer über das ganze Gesicht. Der Junge brüllte und Rikeland schlug sich vor Lachen auf die Schenkel.

„Wie ich sehe geht es Dir gut.“ Arnhold Hegemann war dazugekommen und knuffte ihm freundschaftlich in die Seite.

„Ach, Du weißt ja“ sagte dieser, „wenn ich Deinen Enkel sehe, dann berührt ein Sonnenstrahl mein Herz, und meine gequälte Seele gibt ein wenig Ruhe.“

„Das verstehe ich, nie hätte ich gedacht, dass dieses winzige Kerlchen mein Leben so durcheinander bringt. Den werde ich nie mehr hergeben, und die Erbfolge ist natürlich auch gesichert.“

„Für Dich und die Deinen sieht die Zukunft nicht schlecht aus, was aber ist mit mir? Steht mir nicht auch noch ein wenig Glück zu?“

„Keinem gönnte ich es mehr als Dir, und was Du auch tätest, solange es gut für Dich wäre, hättest Du meinen Segen.“

„Dann will ich Dich etwas fragen, aber das braucht hier noch niemand zu hören. Können wir in Deine Schreibstube gehen?“

Arnhold Hegemann ließ einen großen Krug Bier und zwei Becher in das Kontor bringen und die Männer machten es sich bequem.

Rikeland begann zu sprechen. „Dir wird nicht entgangen sein, dass ich in den letzten Jahren die Hospitäler der Stadt mit dem versorge, was sie nötig brauchen. Es gibt viele Arme und Kranke, ich kenne all ihre Namen, einen ganz besonders. Im Heiligen Geist Hospital lebt ein Junge, etwa sechs Jahre alt. Er hat niemanden zu dem er Vater oder Mutter sagen kann. Was für ein aufgewecktes Bürschchen er ist, habe ich gemerkt, als er mir kleine Kieselsteine verkaufen wollte und allen Ernstes behauptete, wenn ich sie meinen Hühner ins Futter mengen würde, dann fräßen sie nur noch die Hälfte, aber legten Eier mit härterer Schale.“

Die Männer lachten und Hegemann stellte fest, dass sein Freund blitzende Augen bekam.

„Der Bursche beeindruckt Dich wohl sehr?“

„Mehr als das, und deshalb habe ich beschlossen ihn in mein Haus zu holen.“

„Einen sechsjährigen Knecht? Du warst doch nie dafür, dass Kinder arbeiten müssen. Deine Entscheidung erstaunt mich.“

„Der Junge ist kein Leibeigener, und er soll auch nicht als Knecht bei mir einziehen. Ich will ihn an Kindes statt annehmen. Er wird eine gute Ausbildung bekommen und eines Tages meine Geschäfte weiterführen. Der Name Rikeland muss in Wismar weiterleben und in aller Munde bleiben.“

„Das wird er sicher und meinen Segen hast Du. Es wird allerdings einige geben, die Dir das neue Glück in Deinem Hause nicht gönnen werden. Bleib wachsam.“ 

 

April 1254 – Ghese 

Ghese war verzweifelt.

Sie zählte noch keine sechs Jahre, aber schon lasteten große Sorgen auf ihren kleinen Schultern. Seit sie denken konnte kränkelte ihre Mutter. Fast täglich ging es ihr schlechter, viele Tage lang kam sie gar nicht hoch von ihrem ärmlichen Strohlager in der Ecke des Schlafraumes, den sie sich mit anderen Kranken im Hospital teilen musste. Ghese wuchs hier auf, sie kannte nichts anderes als Armut, Bettelei und Krankheiten.

Sicher, es gab auch Bewohner in Sankt Jacob, denen es deutlich besser ging, die schönere Räume bewohnten, gutes Essen hatten und auch im Winter nicht zu frieren brauchten. Diese Leute aber, das hatte sie gelernt, zahlten ein Leben lang Geld an das Hospital und spendeten bei jeder Gelegenheit etwas für die Armen. Pfründner nannten sie sich und selbst reiche Bürger der Stadt wohnten hier und ließen sich im Alter versorgen.

Ghese und ihre Mutter aber gehörten zu denen, die von den Abgaben der Reichen leben mussten. Nie hatten sie etwas besessen, nichts gehörte ihnen, außer ihrer Freiheit. Sie waren keine Leibeigenen, das hatte die Mutter immer wieder betont.

Das Mädchen nahm einen Lappen und wischte über die fiebrige Stirn von Agnes.

Der Besuch auf dem Friedhof vor ein paar Jahren hatte ihr übel mitgespielt. Krank war sie von der Beerdigung zurückgekommen. Ihre fadenscheinigen Sachen hatten das Wasser nicht abhalten können und das stundenlange Warten in Wind und Regen warf sie anschließend auf das Lager. Eine Lungenentzündung überlebte sie wohl nur, weil ihr Körper noch jung war, aber sie wurde so geschwächt, dass sich bald eine Schwindsucht einstellte und Agnes dem Tod täglich ein wenig näher kam.

Ihre Tochter, so klein sie auch war, sorgte sich sehr und rannte jeden Tag nach Wismar hinein um etwas für die Mutter zu ergattern. Wenn es auf dem Markt nichts zu erbetteln gab, und niemand ihr etwas zur Erledigung übertrug, dann sammelte sie mal eine Handvoll trockenes Stroh für das Nachtlager oder stibitzte auch mal ein Vogelei aus einem Nest. Oft aber fragte sie bei den Ackerbürgern in der Baustraße ob sie ihnen helfen könne Rüben oder Getreideähren aufzulesen oder eine störrische Ziege zu bewachen.

 

Heute saß sie wieder einmal bei den Ziegen vor der Stadt und überlegte, ob sie ein wenig Sauerampfer für den Gerstenbrei mit nach Hause nehmen sollte, als ihr im Wassergraben eine Ente auffiel. Ganz anders als die anderen Tiere schwamm sie immerzu im Kreis und schnatterte unaufhörlich. Als das Mädchen an den Graben herantrat flatterten die Enten sofort davon. Nur diese eine drehte sich um sich selbst und verlor den Anschluss an ihre Gefährten. Das war ja merkwürdig. Was war nur mit ihr? Ghese suchte sich einen langen Stecken und trippelte vorsichtig bis an den Rand. Sie wollte auf keinen Fall hineinstürzen, es war noch längst nicht warm genug um ins Wasser zu fallen und sich nicht zu erkälten. Wenn auch sie krank würde, wer sollte sich dann um die Mutter kümmern. Die Neugier ließ sie aber nicht los und der Stecken reichte gerade so weit bis zur Ente, dass sie diese ein wenig anstupsen konnte. Panisch begann das Tier mit den Flügeln zu schlagen und kam dem Ufer auf der anderen Seite dadurch immer näher. Als sie es erreicht hatte, schleppte sich die Ente mühsam herauf und Ghese sah, dass sie ein gebrochenes Bein hatte.

Welch ein Glückstag! Wenn sie dieses Tier erwischte, dann konnte Mutter eine kräftige Suppe bekommen. Schon lange redeten die Schwestern im Hospital davon, dass besseres Essen notwendig sei, um die Mutter wieder auf die Beine zu bringen. Der Tod stünde ihr schon im Gesicht geschrieben, hatten sie gesagt und von Hoffnungslosigkeit gesprochen. Ghese glaubte in ihrer kindlichen Einfalt tatsächlich, dass eine gute Mahlzeit die Krankheit ihrer Mutter besiegen und aller Not endlich ein Ende machen könnte.

Verbissen dachte sie nach. Die Ente war jetzt dummerweise auf der anderen Seite des Grabens. Den konnte sie nicht überwinden, also blieb ihr nichts anderes übrig, als zur nächsten Brücke zu gehen und so rasch sie konnte zurückzulaufen, das Tier zu fangen und ihm den Hals umzudrehen.

Ghese fing an zu rennen. Sie nahm ihre Holzpantoffeln in die Hand um schneller vorwärts zu kommen und sauste am Ufer entlang. Das blieb nicht unbeobachtet. Zwei Jungen in etwa ihrem Alter spielten im Gebüsch und sahen sie vorüberflitzen. Sofort rannten sie ihr hinterher, denn es musste schon einen wichtigen Grund geben, warum dieses Mädchen so in Eile war, und den wollten sie erfahren.

Nach ein paar hundert Metern sahen sie, was die Kleine so antrieb. Die Ente saß am Ufer und schnatterte immer noch ganz aufgeregt. Ghese stoppte ihren Lauf, um das Tier nicht zu verjagen, und schlich Schritt für Schritt näher. Vielleicht konnte sie sich auf sie werfen und am Hals festhalten, dass die Jungen ihr gefolgt waren, hatte sie gar nicht mitbekommen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, kaum wagte sie zu atmen. Noch einen kleinen Schritt, die Ente sah sie mit schief gelegtem Kopf misstrauisch an, dann könnte Ghese zugreifen. Dazu kam es nicht. Übereifrig und mit großem Trara stürzten sich die Bengels auf die Beute, die doch gar nicht für sie bestimmt war. Fassungslos sah das Kind zu, wie die Ente sich im letzten Moment in den Graben retten konnte. Ein Schrei entwich ihrer Mädchenbrust und wutentbrannt hieb sie einem der Jungen die Holzschuhe an den Kopf. So klein sie war, so erbarmungslos prügelte sie auf ihn ein, sodass der andere eingreifen musste. Nur mit Mühe konnte er Ghese von seinem Freund trennen.

Tränen liefen ihr über das Gesicht. Das schöne Essen für Mutter, es schien den Bach hinunter zu gehen. Allerdings hatte sie vergessen, dass die Ente gar nicht schwimmen konnte. Als die sich wieder im Kreis zu drehen begann, überlegte Ghese nicht lange und stieg in das kalte Nass. Die Jungen schauten verwundert zu, das würden sie niemals tun. Wegen eines blöden Vogels ging man zu dieser Jahreszeit doch nicht ins Wasser. Sie neideten dem Mädchen aber das Tier und wollten es ihm nicht gönnen. Hurtig begannen sie Steine aufzusammeln und nach ihr zu werfen. Zuerst trafen sie nicht und alle fielen mit leisem Ploppen ins Wasser. Je wütender sie aber wurden, desto besser zielten sie und bald trafen sie Gheses Kleider, ihre Arme und den Rücken. Die aber drehte sich nicht um, sie sagte kein Wort, nur die Ente, die hatte sie fest im Auge. Nach ein paar Schritten griff sie nach dem Hals des Tieres. Da traf sie ein großer Brocken am Kopf. Sofort schoss Blut aus einer klaffenden Wunde. Ghese strauchelte kurz, hatte aber die Ente schon gefangen. Vorsichtig watete sie an das andere Ufer, bis hierher trafen die Wurfgeschosse nicht. Erhobenen Hauptes und mit wildem Blick starrte sie die Bengel auf der anderen Seite an. Ihr Zorn war riesig, ihre Genugtuung groß. Sie war in dieser Schlacht der Gewinner, und wie es dem Sieger gebührte, gehörte ihr die letzte große Geste dieses Kampfes, sie drehte der Ente den Hals um und den Jungen eine Nase, dann lief sie davon.

 

Ein bisschen wackelig auf den Beinen, aber überglücklich, erreichte sie Sankt Jacob und lief strahlend zu ihrer Mutter. „Jetzt wird alles gut“, rief sie und hielt die Ente hoch über ihrem Kopf. „Heute wirst Du eine gute Suppe essen, und wenn Du magst auch noch einen Braten.“ Die Mutter lächelte ihr schwach zu und bedeutete ihr, das Tier gleich in die Küche zu bringen. Auf dem Weg dorthin strauchelte Ghese und musste sich an den Wänden abstützen. Das Blut rann immer noch aus ihrem Kopf, und nun merkte sie auch, das der ihr höllisch weh tat.

Sie setzte sich ein wenig auf den Boden. Eine der Schwestern entdeckte sie bald und war sehr erschrocken. „Ghese, was ist geschehen und was hast Du für einen schmutzigen Vogel in der Hand? Das Tier ist ja tot. Pfui, wir wollen es gleich auf den Misthaufen werfen. Wie konntest Du es nur hierher schleppen?“

Ghese schrie. „Nein, nein, ich habe die Ente gefangen, Mutter soll sie haben. In die Küche muss die Ente, damit wir eine Suppe daraus kochen.“

„Ach was, gefangen und Suppe kochen? Kind Du bist blutüberströmt und redest wirres Zeug. Bist Du in einen Krieg geraten? Du bist viel zu wild für Dein Alter, und Mädchen prügeln sich nicht, denn danach sieht es doch wieder einmal aus. Habt ihr euch um dieses Federvieh geschlagen? Was Du aber auch alles aufsammelst. Ich denke noch an die steif gefrorene Katze im letzten Winter. Nein, dieses Tier kann man mit Sicherheit nicht essen. Du wirfst es gleich fort und nachher bekommst Du einen Teller Grütze, der bekommt Dir viel besser.“

Sie sprach es und schleppte Ghese zuerst zum Misthaufen und dann zum Brunnen um ihr die Wunde am Kopf auszuwaschen.

Ghese weinte nur noch ein wenig, sie konnte kaum noch protestieren und die Beine knickten ihr immer wieder ein. Sie hatte so sehr gekämpft und nun lag ihre schwer errungene Beute im Dreck. „Suppe für Mutter“, flüsterte sie, dann sackte sie zusammen.

 

Als sie nach drei Tagen aus der Ohnmacht erwachte war alles anders.

Die Wunde am Kopf begann zu heilen, die Schmerzen ließen nach und sie erhob sich von ihrem Lager. Schnell lief sie zu ihrer Mutter. Diese schlief und Ghese strich ihr vorsichtig über das Haar. „Liebste Mutter“, sagte sie, „die Schwester hat mir verboten Suppe zu machen, ich musste die Ente fortwerfen. Sei nicht traurig, ich werde Essen finden, und gewiss wirst Du dann gesund.“ Die Mutter drehte sich um und schlug die Augen auf - und da war es eine fremde Frau.

Mutter war tot.

Gestorben in diesen drei Tagen, in denen selbst Ghese dem Leben fast entwichen war.

Sie sagte nichts, sie weinte nicht, sie stand nur still vor dem ärmlichen Grab ihrer Mutter und wusste nicht was nun zu tun sei.

Nur eines wusste sie sehr genau.

Nie wieder würde sie sich in ihrem Leben etwas wegnehmen lassen, und nie wieder würde sie sich von anderen sagen lassen was sie zu tun hatte. 

 

Mai 1260 – Conrad 

Ein blonder Wirbelwind stürzte in das Kontor von Johan Rikeland.

„Vater“, rief er aufgeregt, „Vater, sieh was ich gefunden habe.“

Johan Rikeland sah bedächtig aber voller Freude auf seinen Ziehsohn. Den Entschluss vor einigen Jahren, sich dieses Kind aus dem Heilig Geist Hospital zu holen, den hatte er nie bereut. Conrad war die Sonne in seinem Leben. Was hatte der Junge nun wieder angeschleppt?

Der konnte kaum tragen was er in den Händen hielt und Rikeland schüttelte den Kopf.

„Den hast Du doch nicht gefunden, schon wieder hast Du einen gestohlen. Wenn Dich einer der Baumeister erwischt, dann verpasst er Dir eine gehörige Tracht Prügel, und ich kann noch nicht einmal etwas dagegen tun.“

Conrad strahlte über das ganze Gesicht. Er wusste, dass er nicht stehlen durfte, es war schließlich eines der Gebote Gottes, und die bemühte er sich immer einzuhalten. Aber konnte er etwas dafür, das dieser hier so weit weg von den anderen lag und quasi darum bettelte mitgenommen zu werden? Vorsichtig trug er den Gegenstand in seine Kammer. Dort lagen schon andere „Fundstücke“ dieser Art, ordentlich aufgereiht, und alle hatten eine andere Form.

Conrad sammelte Backsteine von allen Kirchenbaustellen der Stadt.

Seine Leidenschaft für Steine war schon als ganz kleiner Junge in ihm erwacht, und seit er wusste, dass die Menschen sie auch selber herstellen konnten, fand seine Begeisterung keine Grenzen. Wismar hatte eine Menge Baustellen und Conrad war auf allen zu Hause. Sehr zum Missfallen von Johan Rikeland beschäftigte ihn die Zusammensetzung der Steine weit mehr als die von feinen Tuchen und Stoffen.

In der Schule war er einer der klügsten Schüler, Zusammenhänge, gleich welcher Art, begriff er sofort. Rechnen konnte er ohne Hilfsmittel und selbst Latein ging ihm fließend über die Zunge.

Rikeland sah in ihm einen Nachfolger für seine Geschäfte. Der Tuchhandel war seit Jahrzehnten seine Einnahmequelle und so musste es auch bleiben. Wenn der Junge die Schule beendet hatte, dann sollte er den Handel studieren, ein wenig die Welt kennen lernen, eine Familie gründen und das Geschäft übernehmen. Er, Johan selbst, wollte sich zur Ruhe setzen und sich freuen, dass die Rikelands weiterhin eine angesehene Familie Wismars waren. Sicher, als er den Jungen zu sich nahm, ging ein Raunen durch die Stadt, und seine Neider zeigten unverhohlen mit den Fingern auf ihn, den alten Narren, den der Tod seines einzigen Sohnes wirr gemacht hatte. Einen Streuner hätte er sich ans Bein gebunden hieß es, sein Geld würde der durchbringen, wenn er nicht acht gab. Nun, Rikeland gab acht, und Conrad dankte ihm seine Fürsorge mit Liebe, Fleiß und unbändiger Lebensfreude. Die Knechte und Mägde in seinem Haus hielt er ständig auf Trapp, wie es eben so war, wenn man einen fast zwölfjährigen Jungen im Hause hatte. Sein bester Freund war der Gottfried von Hegemanns, ein Blondschopf wie Conrad auch, etwas jünger als er selbst, aber den Kopf voller Grappen und Spliens. Wenn die Burschen mit Gottfrieds Hund unterwegs waren, dann kamen sie oft mit zerrissenen Hosen zurück, aber wozu war Johan Tuchhändler, wenn er hier nicht hin und wieder für Ersatz sorgen konnte.

Der Junge war seine Zukunft, er war lernwillig, hellwach und für viele Dinge zu begeistern.

Nur den Tuchhandel, für den schien er nicht viel übrig zu haben.

Während Johan noch über seinen Sonnenschein sinnierte, sortierte Conrad in seiner Kammer wieder einmal seine Backsteine. Von den einfachen Quadern hatte er fünf, die gab es aber auch in Massen, die waren nicht so wichtig für ihn. Er jagte den Schöneren nach, den Formsteinen. Heute hatte er einen Ziegel erbeuten können, der an einer Seite schwarz glasiert war. Der war sehr wertvoll, und sein Vater hatte Recht, wurde er erwischt, dann gab es Senge, und nicht zu knapp. Ganz nebenbei hatte er bei der Nikolaikirche die Form für eine Reliefplatte mit einem Greifen entdeckt. Reliefplatten waren ganz oben an den Kirchen angebracht, er würde keine Möglichkeit haben sie jemals wiederzusehen, wenn sie erst einmal vermauert waren. Also musste er möglichst mit dem ersten Hahnenschrei raus um an das Objekt seiner Begierde zu gelangen. Noch vor Sonnenaufgang sollte das sein, die Bauleute waren Frühaufsteher und würden ihn erwischen, wenn er nicht schnell genug war. Vor dem Nachtwächter hatte er keine Angst, der hatte ihn auf seinen nächtlichen Streifzügen noch nie entdeckt.

 

Am nächsten Morgen saß Johan Rikeland einem strahlenden Conrad gegenüber.

„Was ist mit Dir Junge?“, fragte er. „Hast Du gut geschlafen und wundersame Dinge geträumt? Du siehst so zufrieden aus. Oder ist heute etwa keine Schule?“

„Doch, doch Vater“, beeilte sich Conrad zu antworten, „wir haben heute eine Lateinprüfung, ich habe fleißig gelernt und gedenke sie gut abzuschließen.“

„Wenn das so ist, dann habe ich heute Abend vielleicht eine große Überraschung für Dich.“ Er schmunzelte in seinen Bart. „Du wirst erstaunt sein was Dich erwartet.“

„Verrate noch nicht zu viel Vater, ich möchte gespannt bleiben.“ Mit diesen Worten hüpfte er aus der Tür. Noch mehr des Guten konnte er nicht ertragen, sein Beutezug letzte Nacht war erfolgreich verlaufen und noch glücklicher konnte ein Junge von zwölf Jahren kaum sein.

 

Nach der Schule zog es ihn wieder durch die Stadt, von Baustelle zu Baustelle. Seine heimliche Liebe galt dabei einer Kirche, die es noch gar nicht gab. Ihre Fundamente wurden aber schon gelegt. Täglich brachten die Bauern aus der Umgebung große Feldsteine auf den Hügel. Eine neue Georgskirche sollte gebaut werden. Die Alte mit ihrer winzigen Kapelle an der Reifferbahn war viel zu klein und morsch geworden. Das Hospital gab es an dieser Stelle schon zehn Jahre nicht mehr. Conrad hatte es nie kennen gelernt. Nur der Kirchhof, den besuchte er regelmäßig mit seinem Vater. Bernhard lag dort, ein ermordeter Sohn seines Vaters und nicht wirklich sein Bruder. Conrad wusste, dass Johan Rikeland ihn nur an Sohnes statt aufgenommen hatte, aber er nannte ihn gerne Vater. Er liebte den gütigen alten Mann, sonst hatte er ja niemanden.

Die Sonne schien schon recht warm an diesem Maitag und Conrad hüpfte an der Baugrube entlang und beobachtete die Arbeiter, wie sie die schweren Steine abluden, Sand schaufelten oder auch mal einen Schluck Bier tranken. Er legte sich auf den Rücken in das Gras, zupfte einen Halm aus, steckte ihn sich zwischen die Zähne und dachte kurz an seinen Vater. Ja, er wusste auch, dass Johan ihn zu seinem Nachfolger im Tuchgeschäft machen wollte. Sicher, er konnte rechnen wie kein zweiter in der Schule. Aufs Handeln verstand er sich auch schon ganz gut. Bei den Marktweibern war er verrufen, weil er es immer schaffte die Preise zu drücken, bevor er Honig, Milch oder Früchte kaufte. Aber Stoffe, diese trockenen leblosen Bahnen, die interessierten ihn nicht. Steine, an denen hing sein Herz. Die hatten eine Seele, und keiner sah aus wie der andere. Wie waren sie gewachsen, woher kamen sie? Und weil der Mensch Steine herstellen konnte, fragte er sich woraus diese wohl bestanden. Er starrte in den Himmel und überlegte wie hoch die neue Kirche werden würde. Noch interessanter aber schien ihm die Frage, wie hoch man Kirchen überhaupt bauen konnte. Vater war weit herumgekommen und hatte ihm von anderen Städten berichtet, auch befreundete Händler erzählten hin und wieder was sie gesehen hatten. Manchmal sah er Zeichnungen und seine Phantasie überschlug sich fast.

Er musste lächeln. Als er noch kleiner war, hatte er beobachtet, wie die Arbeiter Lehm und Wasser zusammenrührten, in eine Form strichen und später den getrockneten Ziegel im Ofen brannten. Er stahl so einen Grünling, wie die ungebrannten Ziegel hießen und schleppte ihn nach Hause. Dort zog er das Brot aus dem Backofen und legte an dessen Stelle den Baustein hinein. Noch immer hörte er die Magd schreien, weil sie glaubte der Leibhaftige hätte ihr Brot in Stein verwandelt.

Eine Dunkle Wolke zog am Himmel vorüber und plötzlich fielen Regentropfen zur Erde. Es wurde Zeit nach Hause zu gehen, Vater hatte eine Überraschung versprochen, falls die Lateinprüfung gut ausfallen sollte. Sie war sogar ausgezeichnet gelaufen, Vater würde sich freuen und Conrad war sehr neugierig auf das, was zu Hause auf ihn wartete. Er sprang auf und trat den Heimweg an.

Der Regen nahm sehr schnell zu und Conrad sprang von Stein zu Stein. Plötzlich rutschte er aus und fiel etwa sechs Fuß tief in die Baugrube. Es knackte abscheulich und sein Bein baumelte unterhalb des Knies wie ein Lämmerschwanz. Schreiend bekam er noch mit, wie die Arbeiter zusammenliefen, dann schwanden ihm die Sinne.

Als er wieder zu sich kam, lag er auf einem Bett. Sein Bein steckte zwischen zwei Holzlatten und war mit schmalen Stoffstreifen umwickelt. Es tat höllisch weh, aber Blut konnte er nicht entdecken. Er sah sich um und wusste sogleich wo er sich befand. Hier wuchs er als kleiner Junge auf, bis Johan Rikeland ihn mit nach Hause nahm. Conrad lag im Hospital vom Heiligen Geist. Eine Menge Kranker schlief oder döste um ihn herum. Ein paar Schwestern huschten durch die Gänge.

Am Ende des Raumes sah er ein Mädchen, das einen Wassereimer trug und anscheinend die Durstigen versorgte. „He“, rief er, „Du, bring mir Wasser, ich will trinken!“ Das Mädchen beachtete ihn kein bisschen. „He“, rief er noch einmal, „ich habe Durst.“ Sie verschwand. Eine Schwester kam, um nach ihm zu sehen und ihm zu sagen, dass sein Vater unterwegs sei, um ihn nach Hause zu holen. „Ich will trinken“, sagte er, „aber das Mädchen hat mich nicht beachtet.“ „Nun ja“, antwortete die Schwester, „das ist Ghese, sie ist wohl so eigenwillig wie Du, aber ein liebes Ding. Sei freundlich zu ihr, dann bekommst Du auch Wasser. Sag ‚bitte’, das hört sie gern.“

Conrad sah Ghese an diesem Tag nicht wieder, aber ihr flammendrotes Haar, davon fand er eines auf den Laken. Er rollte es zusammen und steckte es ein. Es faszinierte ihn, eine solche Farbe hatte er noch nie vorher gesehen.

 

Sein Vater kam und holte ihn ab. Der Pferdekarren rumpelte durch die Lübsche Straße zur Faulen Grube. Es war nur ein kurzer Weg bis nach Hause und Conrad überlegte ob sein schweigsamer Vater wohl sehr wütend auf ihn sei.

„Wir haben Besuch“, sagte dieser nach einer Weile. „Mein alter Handelspartner Heesten aus Flandern ist bei uns. Du solltest eigentlich mit ihm fahren und das Geschäft einmal von einer anderen Seite aus kennen lernen. Das sollte die Überraschung sein.“ Er sah seinen Sohn streng an, dann musste er schmunzeln. „Ich sehe aber“, meinte er, „dass die Steine Dich nicht gehen lassen. Du kannst nicht ohne sie sein, was? Erzähle mal, wie hast Du Dir Deine Zukunft vorgestellt?“ Johan Rikeland knuffte seinen Sohn zärtlich in die Seite.

Dieser glaubte kaum was er vernahm. Vater lenkte ein und zwang ihn nicht in das Tuchgeschäft? Sofort fing Conrad an zu erzählen. Es sprudelte nur so aus ihm heraus und Rikeland hörte Begriffe, die er noch nie zuvor gehört hatte.

„Ich will lernen“, sagte Conrad, „ich muss wissen, wo die Steine wachsen, lass mich studieren und alles über Trauflinien, Wasserschläge und Blendbögen herausbekommen. Worin unterscheidet sich eine Basilika von einem Dom? Was sind Arkaden und Kragsteine? Ich habe schon soviel gehört Vater, aber es reicht mir nicht. Ich will Kirchen bauen.“ 

 

Juli 1262 – Feuer 

Der Tag war anstrengend für die alte Benedicta.

Ihre Knochen knackten schrecklich und trotz der warmen Nacht fröstelte es sie ein wenig. Sie war zu alt um noch den ganzen Tag auf den Beinen zu sein, immerhin erreichte sie in diesem Sommer ihr dreiundachtzigstes Jahr. So erzählte man jedenfalls, und das, so sagte man auch, sei ungewöhnlich. Nur in der Bibel wurden die Menschen so alt wie Methusalem, und der war viele hundert Jahre alt geworden. Das behauptete der Pastor, und wenn er in der Kirche solche Geschichten predigte, dann sah man sie schon seltsam an und tuschelte hinter ihrem Rücken. Ganz in ihrem Inneren fürchtete sie sich davor immer noch älter zu werden.

Benedicta lebte in einer erbärmlichen Hütte inmitten der Stadt. Eigentlich klebte die Bude an der Rückwand eines Schweinestalles in der Krämerstraße.

Sie hätte auch in einem der Hospitäler dahinsiechen können, aber das war nicht ihr Wille. Solange sie kriechen konnte, wollte sie selbst für sich sorgen. Kinder waren ihr nie beschieden, ihr Mann verließ sie deswegen schon früh.

Vor ein paar Tagen zog ein Quacksalber durch die Stadt und pries lauthals eine Mixtur an, die ein wahres Wundermittel gegen sämtliche Krankheiten sein sollte. Krätze würde sie heilen, Leibschmerzen und Zahnweh. Benedicta hatte ihm vergnügt ihre Zahnstummeln präsentiert und gefragt, ob das Elixier daraus wohl wieder Perlen machen könne. Die Zuschauer auf dem Markt grölten vor Begeisterung.

Sie hatte ihre letzten Münzen zusammengekratzt und etwas von dem Heilmittel erstanden. Der Kerl meinte, sie solle es warm machen, dann wirke es besonders gut. Also kramte sie einen alten Topf hervor und machte ein kleines Feuer in ihrer Hütte. Die Wärme erfüllte den Raum bald und die Alte massierte ihre müden Beine.

 

Als der Nachtwächter vom Hafen durch die Breite Grube kam, sah er einen hellen Schein in der Krämerstraße. Was sollte das bedeuten? Wer machte so spät noch Licht? Er begann zu laufen und riss sich das Horn von der Schulter.

Feuer!

So laut er konnte schrie er „Feuer! Feuer!“ durch die Nacht, stieß in das Horn und schlug an alle Haustüren. Die ersten Bürger stürzten auf die Straße. Mit Ledereimern und Feuerpatschen bewaffnet rannten sie zum Haus von Kaufmann Hösick. Von dorther qualmte es fürchterlich und man hörte seine Schweine entsetzlich schreien. Hinter dem Stall brannte es lichterloh.

Die ganze Stadt lief zusammen, jeder Einwohner war verpflichtet, nicht nur Gerätschaften zur Brandbekämpfung bereit zu halten, sondern auch mit ganzem Körpereinsatz seine Stadt gegen solche Katastrophen zu verteidigen. So bildeten denn die Männer sehr schnell eine Kette und schöpften Wasser aus der Breiten Grube. Eimer um Eimer wurde weitergereicht. Kinder rannten herbei und schleppten die leeren Gefäße zurück zur Grube. Frauen trugen bereits Hab und Gut aus den benachbarten Gebäuden, denn inzwischen hatte das Feuer die Nachbarhäuser erreicht und fraß sich in beide Richtungen die Straße entlang.

Ganz Wismar geriet in Aufruhr. Wer irgendeine Art von Karren besaß lud seine Habseligkeiten auf und brachte sie fort. Alte Leute jagten Vieh vor sich her, Kinder spannten Ziegen und Hunde an Wägelchen und trieben sie in den Norden der Stadt. Ein höchstens dreijähriger Junge hielt zwei flatternde Hühner in den Händen und rannte mit flinken Füßen zum Hafen. Wasser, das wussten auch die Kleinsten, Wasser war lebensrettend.

Niemand weinte oder klagte, dafür war jetzt keine Zeit.

Man hätte es auch nicht gehört, denn aus dem Feuer war inzwischen ein Sturm geworden, der sich mit lautstarkem Gebrüll nahm was er kriegen konnte. Der Wind war in dieser Nacht sein bester Gefährte und trieb die Funken über den Marktplatz. Die Verkaufsbuden flackerten nur kurz auf, dann waren sie weg und die Flammen bissen genüsslich in das Rathaus.

Die Sommernacht geriet zu einer einzigen Katastrophe. Wismar zerfiel in Schutt und Asche, und was nicht zerbröselt am Boden lag, das trieb der Wind als graue Flocken über das Land.

Fassungslos hetzten die Menschen an den Stadtrand. Frauen schrien nach ihren Kindern, Vieh brüllte vor Schmerz, nicht jedes Tier hatte gerettet werden können.

Entsetzt schauten sich diejenigen, die sich zusammenfanden, um. Man erkannte sich kaum. Viele hatten nur ihre Nachtgewänder an und alle waren schwarz wie die Raben. Die Gesichter verschmiert, die Kleidung zerschlissen, arm oder reich, niemand konnte sie auseinanderhalten. Selbst die Frau vom Bürgermeister sah aus, als ob sie aus der Gosse kam.

Plötzlich knallte es hoch über ihren Köpfen. Als hätte er es ausgesprochen eilig, prasselte Regen in Sturzbächen auf sie herab, Gott hatte endlich ein Einsehen und schickte ein erlösendes Gewitter.

Die Menschen weinten und gingen, so wie sie waren, in das nächste Gotteshaus. Manche hatten ein Ferkel auf dem Arm und auch der kleine Junge mit seinen Hühnern war wieder da und ließ die Tiere endlich los. Niemanden interessierte es, zu welchem Kirchspiel er gehörte, alle strömten in die Nikolaikirche und auch die Pastoren fanden in seltener Einigkeit zusammen. Man dankte einfach nur seinem Schöpfer.

 

Vier Menschen hingen in der Kirche ganz besonderen Gedanken nach.

Jander und Jokoff Moderitz hatten zwei ihrer Häuser verloren und schielten bösartig zu ihrem ewigen Widersacher Johan Rikeland hinüber. Der wohnte an der Faulen Grube und war ungeschoren davongekommen. Das müsste sich doch ändern lassen.

Johan Rikeland dachte an die alte Benedicta, die das Rätsel um die beiden Engelsfiguren mit in den Tod genommen hatte. Mochte nie jemand hinter dieses Geheimnis kommen, das nun er ganz allein bewahrte und welches sich im Fußboden seines Kontors befand, gemeinsam mit der Hand seines Sohnes Bernhard.

Conrad Rikeland war entsetzt über die Vernichtung der Stadt und das Leid, das nun über viele Menschen hereinbrach. Wie schnell die Feuersbrunst alles verschlungen hatte. Das konnte Gott nicht gewollt haben. Er hob den Kopf und sah hinauf in das Gewölbe der Kirche. Würde auch eine Kirche brennen? Wahrscheinlich, aber doch wohl nicht so wie die Holzhäuser. Der Herr würde es nicht verhindern können. Er lauschte dem Pastor nicht mehr, sondern studierte aufmerksam Dach und Wände, und so kam es, dass ein vierzehnjähriger Junge nicht nur über den Kirchenbau nachdachte, sondern über eine ganze Stadt aus Stein.

 

 

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