Das kleine Backsteinmonster und seine Freunde

Titelbild und Illustrationen im Buch von Detlef  Kristeleit


Zum Geleit

 

Wir bedanken uns ganz herzlich bei den Kindern der »KITRALA«, der Kindertagesstätte »Sonnenschein«, bei Marvin Scheil, Anni Rose und den Geschwistern Juno und Peer Holbe.

Ohne Eure Fantasie, Eure Inspiration und Euren Fleiß beim Monsterbastelwettbewerb wäre dieses Büchlein nicht entstanden. Zu Euren Monstern „Waldemar Wiesenmonster“, „Rosanni“, „Hua Gru“, „Juno“, „Glubschi“ und „Flugsi“ haben wir noch das Backsteinmonster „Marinus“ erfunden. Die Autorin Petra Block hat mit dieser zauberhaften Abenteuergeschichte allen Gestalten Leben eingehaucht. Der Zeichner Detlef Kristeleit malte dazu die schönsten Bilder.

Lest selbst, was die kleinen Monster in der alten Hafenstadt Wismar erlebt haben.

 

Ein nasser Abend

Es regnete und regnete, einen ganzen Sommertag lang, eine ganze Nacht lang und am nächsten Tag auch wieder. Man hatte das Gefühl der Regen würde aus einer riesengroßen Gießkanne direkt auf alle Häuser, Straßen und Spielplätze der Hansestadt Wismar ausgeschüttet.

Also, an so einem Tag, eigentlich war es schon abends, denn es wurde langsam dunkel, hopste eine seltsame Gestalt durch die Sargmacherstraße in Richtung Marienkirche. Lange grüne Beine steckten in regenbogenfarbenen Gummistiefeln und immer wenn eine Pfütze auftauchte, dann hüpften sie hindurch. Die Gestalt trug einen großen Regenschirm und bei jedem Hüpfer schrieen mehrere Stimmen darunter entsetzt auf. „Du wirst uns noch umbringen!“, schrie die eine „Wenn ich herunterfalle weiche ich total auf!“, jammerte eine andere. „Iff werde miff ganf voll Faffer faugen!“, schimpfte jemand mit einer sehr undeutlichen Aussprache.

„Ach was“, antwortete eine fröhliche Stimme. „Wir sind doch gleich angekommen, die paar Meter haltet ihr schon noch aus. Ihr könnt froh sein, dass ich so stark bin und euch alle nach Hause schleppe. Würdet ihr mich denn auch tragen wenn ich nicht laufen könnte?“

Sofort war Ruhe unter dem Schirm, nur ein dünnes Stimmchen lamentierte noch ein wenig und sagte leise: „Ich habe Hunger.“

„Hunger hast du doch immer, wir backen gleich Pfannkuchen wenn wir angekommen sind.“

Sogleich fing unter dem Regenschirm ein neuerliches Geschrei an. Dieses Mal aber vor Freude. Der mit den grünen Beinen lachte. Er war auch sonst ein sehr fröhlicher Geselle und wenn man ihn genau betrachtete, dann erkannte man, dass er keineswegs nur eine grüne Latzhose trug, sondern alles an ihm grün war. Augen, Nase, Hände, Bauch, alles grün, auch die riesigen Hörner auf seinem Kopf waren grasgrün. Sogar sein Name hörte sich grün an.

Waldemar Wiesenmonster!

Er war der Einzige mit einem Nachnamen und das Oberhaupt einer kleinen Monstertruppe, die seit einiger Zeit in Wismar lebte und es sich in den alten Gemäuern der Stadt gemütlich gemacht hatte. Die anderen saßen bei diesem Wetter unter seinem Schirm um nicht nass zu werden. Besonders Rosanni musste doll aufpassen. Sie war wunderschön und wie es sich für ein Mädchen gehörte trug sie nur rosa Sachen. Gürtel, Schuhe, Kleid, alles war sehr hübsch. Leider war sie aus Karton und wenn der Regen sie traf, na dann gute Nacht, dann war es wohl aus mit ihr. Rosanni hockte auf Waldemars rechter Schulter. Auf der anderen Seite saß Hua Gru. Er war recht klein und mit seinen sechs grünen Beinen konnte er sich ordentlich festklammern. Sein Körper war sonnengelb und weil er schöne weiße Fühleraugen hatte nannten ihn die anderen oft das Insekt. Das hörte er aber nicht gerne, denn er stammte aus der Familie der Trollmonster, genau wie sein Bruder Juno, der eigentlich noch ein Babymonster war. Juno war so winzig, dass er sich zwischen die Hörner von Waldemar gekuschelt hatte und es sich in seinen grünen Haaren ganz bequem machte.

Ja, und dann war da noch Glubschi. Der Bursche war knallrot, wie die Feuerwehr und eigentlich auch genau so laut und schnell. Heute konnte er aber nur nuscheln weil er sich mit seinen großen weißen Haifischzähnen an Waldemars Hosenträger festhalten musste. Glubschi hatte nämlich keine Arme, nur ein paar Beinchen mit Paddelfüßen dran. Dafür besaß er aber herrlich lange Stielaugen, die immer alles ein wenig früher sahen als die anderen Monster. Diese Augen konnten aber unter dem großen Regenschirm nicht viel sehen und so fragte er wieder sehr undeutlich: „Fann find wir fenn fu Haufe?“

„Ich kann unser Zuhause schon sehen“, rief plötzlich jemand über ihnen. Ein ratterndes Geräusch ertönte und schon sauste Flugsi in einem Affentempo über den Marienkirchplatz, dass einem ganz schwindelig werden konnte. Flugsi war der Blaue in ihrer Gruppe und sozusagen der zweite Chef. Eigentlich müsste auch er ungeheuerliche Angst vor dem Regen haben, denn alles an seinem Körper konnte aufweichen. Die schicken bunten Bommeln, mit denen er sich gerne schmückte, fielen sicher schnell herunter wenn sie nass wurden und seine eleganten langen Haare, na, die würden bestimmt die ganze Farbe im Wasser verlieren. Flugsi hatte aber einen großen Vorteil. Er war ein Flugmonster und konnte seine Flügel rasend schnell wie ein Hubschrauber im Kreis bewegen. Die Regentropfen hatte keine Chance ihn auch nur ein kleines bisschen nass zu machen.

 

Flugsis Fehler

Er stürmte also voran zum Turm der Marienkirche. Dort wohnte die Monsterfamilie. Um in ihre Wohnung zu gelangen mussten sie das große Zauberrad bewegen, welches draußen stand und früher, vor vielen hundert Jahren, einmal als Aufzug gedient hatte. Die Menschen stiegen dort hinein und liefen wie ein Hamster in seinem Rad viele Runden, damit sich ein langes Seil langsam herauf oder hinunter bewegte. An dessen Ende wurden Steine, Holz und Werkzeuge zum Bau der Kirche befestigt, und so konnte man die schweren Lasten hinaufziehen. Flugsi hatte das mit den Pfannkuchen gehört und wartete nicht ab bis Waldemar das Rad erreicht hatte, sondern begann schon ein paar Runden zu laufen. Endlich kamen auch die anderen Monster und Glubschi fragte neugierig: „Fie viele Runfen haft du fon gefafft?“

„Äh...ich...äh...na ja, du hast mich jetzt beim Zählen gestört, ich weiß es nicht mehr.“ Vor Schreck ließ Glubschi den Hosenträger los und fiel in den Dreck. „Du hast Dich verzählt?“ schrie er mit seiner lauten schrillen Feuerwehrstimme das Flugmonster an. „Du weißt genau es müssen 7 Runden sein, sonst geht die Tür unserer geheimen Wohnung nicht auf.“ Ganz empört stampfte er mit seinen Paddelfüßen im Regenwasser herum.

„Nun bleibt mal ganz ruhig“, sagte Waldemar. „Flugsi, denke noch einmal genau nach, wie oft bist du mit deinen Flügeln an das kaputte Holzbrett in dem Rad gestoßen? Das passiert dir doch jedes Mal beim Drehen.“

„Ffün...fffünfmal waren das bestimmt.“

„Also los Leute, drehen wir das Rad noch zweimal, ich habe auch Hunger.“

Alle stiegen ein und das große Holzrad knarrte und krachte und drehte sich ächzend noch zweimal rundherum. Quietschend öffnete sich eine kleine versteckte Tür in dem Turm und die Monster kletterten hindurch. Inzwischen war es draußen stockfinster geworden. „Mach mal Licht an!“, rief einer. „Wo ist denn der Lichtschalter?“, fragte jemand. „Weg!“ „Wie weg? Der kann nicht einfach verschwinden, heute morgen war er doch noch da.“ „Wo ist denn der Kühlschrank geblieben? Der ist auch weg. Ist der geklaut?“ „Der Herd ist auch nicht mehr da!“

„Ruhe!“ Waldemar musste eingreifen. Aus seiner Latzhose zog er eine Taschenlampe hervor und leuchtete in die Wohnung hinein.

Donnerwetter, wie sah es denn hier aus?

Alles was die Monsterbande an Möbeln besessen hatte war fort. In der Küche gab es nur eine offene Feuerstelle über der ein eiserner Topf hing. In einer Ecke standen ein Tisch und ein Stuhl, in der anderen Ecke lag ein Strohsack mit einer alten Decke. Die Tür zum Bad war offen. Dusche, Badewanne, Toilette und Waschbecken, alles war weg. Es gab nur noch ein Plumpsklo und eine olle Schüssel mit Wasser drin.

Au weia! Die Monster wussten sofort was passiert war. Flugsi hatte sich beim Drehen des Zauberrades verzählt. Jetzt waren sie in einem anderen Jahrhundert gelandet.