Die Drachenhand von Sankt Georgen

Titelbild und Illustrationen im Buch von Verena Wustrow


Die meisten Märchen beginnen mit: „Es war einmal...“.

Warum dieses hier mit „Es ist...“, beginnt?

Lasst es euch erzählen.

 

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Es ist ein warmer Tag im Sommer des Jahres 1995. In der Sankt Georgen Kirche in Wismar sind Jens und Martin damit beschäftigt, einen der mächtigen Innenpfeiler einzurüsten. Seit einigen Jahren wird das eindrucksvolle Bauwerk restauriert.

Jens befindet sich in etwa zwei Dritteln Höhe des Pfeilers, als er stutzig wird. Was ist das denn?

„Du Martin“, schreit er nach unten, „hier guckt was komisches aus den Steinen raus.“

„Wie, da guckt was raus? Guckt dich was an? Irgendein Tier wird in der Nische sitzen, ne Taube oder so.“

„Nein nein, zwischen zwei Backsteinen hängt was fest. Komm doch mal rauf!“

„Was soll das schon sein, irgendwelchen Dreck findet man hier doch haufenweise.“

„Ach komm doch mal, das sieht aus wie ein Stück Stoff.“

„Stoff? Die Ausgrabungen sind doch hier unten. Wenn du mich verarschst, und ich klettere bei der Hitze umsonst da rauf, dann trinke ich mein Bier heute abend alleine.“

Grummelnd steigt Martin die Stufen des Gerüstes empor. Was konnte ihm Jens schon zeigen? Sicher hatte der Wind einen Fetzen Papier oder Plane dort hochgeweht. Genug Zeug liegt ja überall herum.

Oben angekommen empfängt ihn ein völlig hibbeliger Jens.

„Mensch guck doch mal, das ist doch nicht irgendein Dreck!“ Er weist auf eine Art Lappen, der etwa handtellergroß aus der Lücke eines fehlenden Backsteins ragt.

„Na ja“, meint Martin, „sieht aus wie Stoff und ist ziemlich schmutzig. Ist vielleicht doch nur Bauabfall oder ein Taschentuch.“

„Kann nicht sein, das ist richtig fest drin, wie eingemauert, und schau mal, wie das aussieht, total aus Spitze!“

„Gut, ich sage den Archäologen Bescheid, die können sich das ja ansehen.“

Zwei Stunden später steht das Team der Archäologen auf dem Gerüst und vorsichtig entfernen sie zwei Steine aus dem Pfeiler. Dahinter kommt eine Lücke zum Vorschein und auch der Rest des merkwürdigen Stoffes. Er schien einmal weiß gewesen zu sein und war auf jeden Fall größer als ein Taschentuch. Ein paar Perlen sind zu sehen, Stickerei, und irgendwie macht der Lumpen den Eindruck, als sei er aus richtig teurem Tuch.

Der Leiter des Teams leuchtet mit einer Taschenlampe in die Öffnung.

„Donnerwetter“, entfährt es ihm, „was ist denn hier drin?“

Sorgsam wird alles, was sich in dem Hohlraum verbirgt, ans Tageslicht geholt. Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich der Fetzen Stoff als reichverzierter Ärmel eines Männerhemdes, das vor etlichen Jahrhunderten der neueste Schrei gewesen sein mag. In ihm stecken Knochen, die nicht sehr menschlich aussehen, eine Hand oder Klaue mit gewaltigen Krallen. Eine Schriftrolle liegt noch dabei. Sie ist aus feinem Leder, mit alten, aber lesbaren Zeichen bedeckt und erzählt folgende unheilvolle Geschichte.

 

 

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Mein Name ist Egidius Laurentin Kappelmann. Ich bin meines Zeichens Pastor zu Sankt Georgen in Wismaria und schreibe hier nieder, was sich im Jahre des Herrn 1295 zugetragen hat.

Ich kann bezeugen, dass die Menschen in unserem Land immer von der fleißigen Art waren. Sie bestellten ihre Äcker und mästeten das Vieh, sie bauten feste Häuser und gute Schiffe, sie trieben Handel und allerlei Gewerbe. Kurz, jeder ging brav seiner Arbeit nach. Ob Herrschaft oder Bauer, selbst die Kinder waren sehr gottesfürchtig und all unsere Kirchen waren so gut besucht, dass wir bereits wieder eine neue erbauen ließen.

 

Unsere prachtvolle Stadt lag an einer geschützten Bucht an der See, verschont von Kriegen und Unwettern, besucht von vielen Handelsschiffen und Kaufleuten aus nah und fern.

Ein paar Meilen vor der Stadt gab es eine große Insel. Jeden Morgen fuhren die Fischer von dort hinaus auf die See, um Krabben und Fische zu fangen und sie nach Wismaria zu verkaufen.

Unter der Insel befand sich eine riesige Höhle. Manchmal tauchten die Fischer hinunter, weil sich hier ganz besonders leckere Krebse finden ließen, die die hohen Herren in der Stadt gut zu bezahlen wussten.

Eines Abends kehrte einer der Männer nicht heim. Im Dorf machte man sich keine Sorgen, war es doch schon öfter vorgekommen, dass junge Burschen zur Mutprobe in der Höhle übernachteten. Also wartete man bis zum Tagesanbruch. Als er dann aber immer noch nicht

erschien, sprangen zwei kräftige Kerle ins Wasser und tauchten zur Höhle hinab, um zu sehen, was geschehen war. Es wurde schon Mittag, und auch sie blieben verschwunden. Nun nahm man an, dass doch wohl ein Unglück geschehen sei und zwei Männer nicht ausreichten, um den verschwundenen Fischer zu bergen. So wurde beschlossen, dass noch fünf Männer hinunter sollten, dann würde es wohl zu schaffen sein. Sie nahmen Seile, Messer und alles, was man sonst so brauchen konnte, und stiegen in die kalte See. Aber auch auf ihre Rückkehr wartete man vergebens.

Am Morgen des dritten Tages versammelten sich die Inselbewohner voller Angst am Ufer. Niemand traute sich mit seinem Boot hinauszufahren, auch wollte niemand mehr in die Höhle tauchen. Acht gesunde Männer waren verschwunden. Die Menschen waren ratlos. Sie baten ihren Pastor am Strand einen Gottesdienst abzuhalten. Vielleicht gelang es ja mit Hilfe des Herrn den Vermissten Kraft zu schicken und alles wendete sich noch zum Guten.

Der Pastor betete inbrünstig mit seiner Gemeinde, sie sangen Lieder und fielen demütig auf die Knie. Wünsche und Versprechungen wurden gen Himmel geschickt.

Das Meer färbte sich allmählich dunkler. Als der Pastor ein wenig Weihwasser hineingab, schäumte und gurgelte es plötzlich und mit fürchterlichem Getöse erhob sich ein riesiger schwarzer Drache aus den Fluten. Er umkreiste die Insel, sah auf die panisch fliehenden Menschen hinab und flog ins Landesinnere.

 

Sein Flügelschlag war so gewaltig, dass er eine große Menge Meerwasser mit in die Lüfte riss. Einen halben Tag lang regnete es ununterbrochen salzige Tropfen vom Himmel.

Nun wusste man wo die Fischer geblieben waren, und die Furcht war groß.

 

Der Drache kam zurück und flog nun jeden Morgen über das Land, um am Abend heimzukehren und sich in der Höhle unter der Insel auszuruhen. Manchmal sah man ihn mit einem zappelnden Menschen im Maul zurückkehren. Die Angst der Leute kannte keine Grenzen. Nicht nur, dass ihm nach Menschenfleisch gelüstete und er sich täglich ein neues Opfer suchte, nein, auch der salzige Regen fiel Tag für Tag auf die Felder und Wiesen der Bauern.

Es dauerte nicht sehr lange, und die Not wurde groß. Obst und Gemüse, Bäume und Getreide gingen ein und außer ein paar salzigen Grashälmchen wuchs fast nichts Verwertbares mehr. Großer Hunger herrschte überall. Der einst so florierende Handel stockte fast ganz, das Vieh ging ein, die Menschen in Stadt und Land verzweifelten, bestahlen sich gegenseitig und mordeten sogar. Furchtbare Krankheiten zogen über das Land.

Gott, unser aller Herr, wurde inbrünstig angerufen, aber Weihwasser und Gebete versagten ihren Dienst. Auch der Landesfürst wusste keinen Rat. Dem Drachen war mit Rittern und Landsknechten nicht beizukommen. Auf der Suche nach Beute verschonte er niemanden und holte sich seine Opfer bei Arm und Reich.

Die Menschen fingen an der Kirche fern zu bleiben, konnte doch selbst sie, die bisher immer Hoffnung und Zuversicht gegeben hatte, nichts mehr ausrichten.

 

Auch mein Gotteshaus leerte sich zusehends. Ich war ratlos. Nur eines war noch gewiss, wenn niemand diesem Untier Einhalt gebieten konnte, dann schlug unser aller letztes Stündlein bald.

Beim Grübeln über dieses grausige Schicksal kam mir ein junges Weib in den Sinn. Sie lebte mit ihrer Familie im Wald außerhalb der Stadtmauern Wismarias. Die Wachen waren angehalten sie bei Strafe nicht die Stadttore passieren zu lassen. Katherine, so ihr Name, war als Hexe verrufen. Da sie vortrefflich kräuterkundig war und sich mit allerlei Zauber auskannte, wurde sie im Schutze der Dunkelheit oft von Leuten aufgesucht, um Krankheiten auszutreiben oder sich wahrsagen zu lassen. Ich vermute, dass die Torwächter bestechlich genug waren, ihr manchmal den Gang in die Stadt zu erlauben, weil die junge Frau sich auch auf Hebammendienste verstand.

Bei Tage freilich, da wollte niemand ihren Namen nennen oder sie gar je gekannt haben. Katherine war alles andere als gottesfürchtig. Ihre Zauberkunst war Blendwerk des Teufels. Ich fragte mich, ob ich tatsächlich die Hilfe dieser Person in Anspruch nehmen sollte, und ob es wahrhaftig möglich sei, das Böse mit Bösem auszutreiben. Verfiel nicht ein ganzes Land dem Satan und seiner Verderbtheit, wenn es Katherine seine Rettung zu verdanken hätte?

Voller Zweifel machte ich mich auf den Weg zu ihr.

 

 

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