Die Straßen meiner Kindertage

Titelbild und Fotos im Buch von Hanjo Volster


Von Klolektüre und Holzkreiseln

Wenn man fünf Jahre alt ist, dann kennt man noch nicht viel von der Welt. Diese besteht im Allgemeinen aus den Mitgliedern der Familie, dem Kindergarten und dem bösen Nachbarjungen. Weil dieser mich, eines Tages, mit seinem Holzgewehr erschießen wollte, zogen wir fort. Glaubte ich jedenfalls.

Die Aussicht auf ein eigenes Kinderzimmer war sehr angenehm. Von der Aussicht auf einen eigenen Bruder ahnte ich damals noch nichts.

Die Wohnung in die wir zogen war Klasse, vor allem das Klosett auf dem Korridor. In der alten Wohnung mussten wir eine halbe Treppe tiefer gehen, mit Schlüssel uns so. Hier konnte ich auch mal auf den letzten Drücker lossausen, war ja nicht weit. Ob das immer geklappt hat ist Gott sei Dank nicht überliefert worden.

Dieses WC fiel dann auch prompt in meinen Verantwortungsbereich. Ich war zuständig für das popogerechte Zuschneiden und auffädeln von Zeitungspapier. Als ich lesen gelernt hatte, waren diese zerschnippelten Seiten die erste Bibliothek, zu der ich ungehinderten Zugang hatte. Hier konnte ich nachlesen wovon Vater und Mutter sprachen, wenn sie mich vor die Tür schickten. Die dollsten Geschichten, unzensiert. Wo konnte man als Kind schon mehr von der Welt erfahren als auf dem Klo? Einen Fernseher hatten wir damals noch nicht. Bis ich endlich Mitglied in allen Büchereien der Stadt werden konnte, holten mich meine Eltern öfter vom Lokus, weil sie glaubten ich sei eingeschlafen.

Nun wohnten wir also zwei Treppen hoch in der Nummer eins der Breiten Straße.

Alles was der Mensch zum Leben brauchte gab es hier, sogar der Bus fuhr hindurch, in beide Richtungen. Doppelstöckig damals noch, und mit Schaffner. Wir Kinder durften freilich selten nach oben, jedenfalls nicht ohne Begleitung. Hatte der Schaffner aber erst einmal einen dieser knisternden Fahrscheine aus dünnem Papier von seinem Block abgerissen und uns für einen Groschen in die Hand gedrückt, dann suchten wir uns einen Weg nach oben und fanden auch manchmal, im Gedränge der Fahrgäste, eine Möglichkeit zu entwischen.

Statt das wir uns setzten und an der schönen Aussicht freuten, juchzten wir natürlich jedes Mal, wenn der Bus ruckelte. Bei zuviel Geschrei wurden wir manchmal rausgeworfen. Das war natürlich bitter, wenn man zum Schwimmunterricht nach Wendorf wollte und von Lübsche Burg an laufen musste.

Aber lassen wir den Bus fahren und bleiben in der Strasse.

Kaufen konnte man hier fast alles, sogar lose Milch. Das Milchholen war übrigens lange Zeit meine Lieblingsbeschäftigung. Zu gerne ging ich mit der Aluminiumkanne in den Milchladen von Walter Klasen, immer in der Hoffnung, dass Mutter nicht merken würde, wenn ich ein paar kleine Schlückchen abtrinken oder wenigstens mit dem Finger im Schaum gerührt hatte.

Diese schöne Angewohnheit behielt ich auch Jahre später bei, wenn ich im Glaskrug loses Bier für den Vater holen sollte.

Zur frischen Milch brauchten wir natürlich auch etwas zu essen. Kaufläden gab es reichlich.

Gleich neben uns an der Ecke befand, und befindet sich noch heute, der Kaufmann Ballentin. Wir nannten ihn ja immer „Ballerbüx“. Ob sich daran was geändert hat?

Manchmal ging ich auch zu Laude, der war nur ein paar Häuser weiter.

Ein dritter Laden befand sich an der Ecke zur Neustadt.

Als Kind war man darauf bedacht das wenige Taschengeld in möglichst viel Süßes umzusetzen. So wurden also Gummischlangen und Maiblätter für einen Groschen bei Ballentin, Seidenbonbons und kleine Mohrenküsse bei Laude gekauft. Ecke Neustadt gab es große Mohrenküsse, lang und eckig, ein bisschen so wie Donauwellen sahen sie aus. Teuer waren die, 45 Pfennig das Stück, die Kleinen bei Laude kriegte man schon für 20.

Wenn ich heute durch die Straße gehe und mir die alten Gehwegplatten ansehe, dann kommt manchmal Wehmut in mir hoch. Auch ohne teures Spielzeug wussten wir uns immer zu beschäftigen. In die Ritzen der Platten haben wir Kinder unsere bunten Holzkreisel gesteckt, um dann mit einer Schnur, die an einem Stock befestigt war auf den bedauernswerten Gesellen einzudreschen. Bei diesem Spielzeug gab es große Qualitätsunterschiede. Glück hatten die Kinder, deren Kreisel an der Spitze einen Nagel stecken hatte. Das war dann einer von der besseren Sorte, der drehte sich länger. Auch die Schnur war entscheidend, einfach nur Band taugte nichts. Der eine oder andere Schnürsenkel musste schon dran glauben. Richtige Meisterschaften wurden ausgetragen. Wer sehr geschickt war, der brauchte den Kreisel nicht feststecken, sondern brachte ihn mit einer schnellen Handbewegung in Schwung. Ich sehe die kleinen flinken Hände förmlich vor mir, wie sie versuchen den Kreisel mit der Peitsche in Schwung zu bringen, ohne dabei die Beine der Passanten zu treffen.

 

Von Pfeffernüssen und alten Latschen 

Vieles ist verschwunden in der Breiten Strasse, Geschäfte, Handwerker, Menschen. Das ist wohl der Lauf der Dinge. Wie schön, dass es Erinnerungen gibt.

Nicht verschwunden ist das wunderbare Hotel „Stadt Wismar“. Lange Zeit schmachtete der herrliche Bau in seinem eigenen Elend. Traurig schauten die Figuren an der Fassade die Strasse entlang. Ob sie sich noch an mich erinnerten? Aber es gab Hoffnung! Leben ist wieder eingezogen, und die Wismarer Flagge kündet weithin vom geschäftigen Betrieb hinter den Mauern.

Gleich nebenan, in der Nummer 12, gab es zwei Handwerker.

Einer war Bäckermeister Paul Schröder. Für eine Mark bekam man bei ihm Brötchen für die ganze Familie, und Marmeladenschnitten noch dazu. Hmm, wie das dort duftete.

Kindheitserinnerungen funktionieren ja oft über den Geschmacks- und Geruchssinn.

Jedes Jahr in der Adventszeit kehrt meine Familie zurück zu den Erinnerungen aus Kindertagen, dann backt die Mutti nämlich immer noch original Schrödersche Pfeffernüsse.

Erinnerungsträchtige Gerüche gab es auch in der Werkstatt nebenan. Weiß denn jemand von den jungen Leuten wie eine Schusterwerkstatt riecht? In der heutigen Wegwerfgesellschaft wohl wenige. Ich kann mich noch genau an dieses Gemisch von Klebstoff und alten Latschen erinnern, und auch an Schuster Jochen Hilbrecht. Berge von Schuhen lagen in dem kleinen Laden, Pantinen, Sandaletten, Stiefel, Pumps und Arbeitsschuhe. Wodurch auch immer Arme oder Besserverdienende sich an den Füßen unterschieden, hier lag es einträchtig beieinander.

Mir war es immer ein Rätsel, wie er aus all den Regalen und Schuhhaufen genau die Botten herausfand die mir gehörten, ohne lange suchen zu müssen. Zu meinem Leidwesen ist es auch nie vorgekommen, dass er meine abgelatschten Sandalen mit einem schicken Paar Lackschuhen verwechselt hätte.

Wenn meine Freundin Christine und ich unsere Schuhe bei ihm abholten, dann schlichen wir uns manchmal in das Foyer des Hotels. Dort stand nämlich ein Schuhputzautomat.

Was war es doch für ein Spaß unsere kleinen Füße unter die rotierenden Bürsten zu halten. Das kribbelte und krabbelte an den Zehen, jedenfalls so lange, bis der Portier uns bemerkte und an die Luft setzte.

Ich genoss also das Kinderleben in unserer Straße und machte trotz meiner fünf Jahre sehr schnell allen klar wer hier das Sagen hatte. Keiner Rauferei wich ich aus, am Liebsten prügelte ich mich mit Jungs. Die Mutti hätte besser daran getan mir Lederhosen anzuziehen, statt der hübschen Sommerkleidchen und Strumpfhosen. Die hielten gerade so lange, bis ich die Treppe runter war und auf der Strasse stand.

Wenn ich nicht mit Fäusten Eindruck schinden konnte, dann wenigstens durch halsbrecherische Aktionen mit den Rollschuhen oder dem Roller. Die Krämerstraße war dafür bestens geeignet. Zuerst quälten wir Kinder uns mit den Rollschuhen an den Füßen die Strasse hoch, bis zu dem Laden auf der linken Seite, in dem ringsum an den Wänden Automaten mit Bonbons und ähnlichem standen. Da drinnen konnte man auf dem glatten Fußboden prima ein paar Runden drehen. Allerdings nicht lange, irgendwer scheuchte uns immer vor die Tür, und dann ging es rasant abwärts. Auf der abschüssigen Strasse entwickelten wir ein gutes Tempo, zu unserer Freude auch die Passanten, die den einen oder anderen Sprint hinlegen mussten um uns auszuweichen. Wir hätten besser auch ausweichen sollen, und zwar den unebenen Platten. Stürze waren vorprogrammiert, kaputte Knie und Backpfeifen zu Hause auch.

Noch abenteuerlicher gestalteten sich unsere Rollerfahrten. Holzroller waren ja verpönt, wer etwas auf sich hielt, der besaß einen Luftroller. Erst mal nur mit kleinen Reifen, aber schnell war man damit, vor allem bergab. Nun kann man im Lindengarten nicht von Bergen sprechen, aber zum Spielplatz hinunter führte ein kleiner Hügel, dort konnten wir richtig Gas geben. Petra natürlich auch. Zuviel Gas allerdings, denn der Roller wollte partout über einen Baumstumpf und ich riss mir den linken Arm von oben bis unten auf. Das war schlimm, aber das wirkliche Drama spielte sich erst zu Hause ab. Die Eltern waren nicht da, dafür aber die tüdelige Nachbarin von unten, die mir mangels Verbandstoff den ganzen Arm mit kleinen Pflastern beklebte. Das Geschrei beim Abreißen war ungleich größer als beim Sturz.

 

Von Rollmöpsen und Haarausfall

Der Kindergarten schien mir immer nur eine Abschiebeanstalt zu sein. Wenn ich also schon dorthin musste, dann wollte ich aber auch festlegen wie lange ich zu bleiben gedachte. Wurde es zu langweilig ging ich, sehr zur Verzweiflung der Erzieherinnen, einfach nach Hause. Meine Freundin Christine, die Tochter von Schneider Jeromin, durfte mittags schon gehen und freute sich, wenn ich mich entschloss sie zu begleiten. Meist schlichen wir dann durch die Böttcherstrasse über den Hof in die Schneiderei von Jeromins, meine Mutter durfte mich doch nicht sehen, wir wohnten schließlich genau gegenüber. Bei Christine konnte man herrlich spielen, mit der Lochzange überall Löcher hineinzwicken, mit Schneiderkreide den ganzen Hof voll malen oder einfach nur in der heimeligen Schneiderstube auf den großen Tischen hocken und Knöpfe sortieren.

Als Kindergartenkind fühlt man sich ziemlich groß und übernimmt kleinere Aufgaben, z.B. einkaufen. Das mit der Milch hatten wir ja schon, diesmal geht es um Fisch. Der Fischladen in der Fischerreihe besaß, wie es üblich war, ein Becken mit lebenden Karpfen. Das Petrakind hatte von Mama den Auftrag bekommen zum Abendbrot Rollmöpse zu besorgen. Nun stand ich also vor der dicken Glasscheibe und beobachtete die Karpfen, die heftig nach Luft schnappten und in dem engen Becken so gar keinen Platz zum Schwimmen hatten. Ich kaufte nachdenklich meine Rollmöpse und machte mich auf den Heimweg. Unterweg überfiel mich ein heftiges Gefühl von Mitleid und Tierliebe. Für die Karpfen konnte ich nichts mehr tun, das war mir klar, aber die Rollmöpse in meinem Einkaufsnetz, so lecker sie auch waren, für die schlug plötzlich mein kindliches Herz. Der Weg in die elterliche Wohnung hatte sich hiermit sofort erledigt, der meinige führte mich schnurstracks zur frischen Grube. Sie ahnen es? Na klar, es galt die Möpse zu retten, und so wickelte ich sie aus dem Papier, biss schnell noch einmal ab und warf sie ins Wasser. Meine Mutter war von dieser Aktion überhaupt nicht begeistert und meinem Vater fehlte jegliches Verständnis dafür, und leider auch das Abendessen.