Diese Geschichte ist ein Wettbewerbsgewinner.

Gemeinsam mit der Klasse 3a von Frau Gieseler, Tarnow Schule Wismar, haben wir sie für eine Ausschreibung des Sailer Verlags erarbeitet und prompt eine Menge Geld für die Klassenkasse gewonnen.

 

Liebe Kinder, es war toll mit euch!

Ein altes Segelschiff das mit dem Kapitänsmädchen Emma Regenwasser unter Wasser fährt, ein Gockel der tauchen kann, ein Wal der mitten durch die Stadt schwimmt, eine Schule die verschwindet, Ferien die kein Ende nehmen, ganz scheußlich singende Korallen, Klausi Mausi die Piratenmaus, ein Seestern mit Namen Böser Zentimeter, ein zappelnder Schwarm Heringe im Bett von Hansis Schwester, ein Schneemann der im Kaufhaus klaut, Laura die von ihrem Stern genug hat, Bunte Nudel das Regenbogenfischmädchen und viele andere schräge Gestalten warten mit grandiosen Abenteuern in diesem Buch auf ihre neugierigen Leser und Leserinnen. Ein Büchlein, das gute Laune macht, der Fantasie einen Schubs gibt und Jungen und Mädchen gleichermaßen begeistert.


Graf Gockel wird ein Held

„Hilfe!“, krächzte jemand ganz leise und noch einmal „Hilfe!“

Emma Regenwasser wischte sich mit einer Hand über das rechte Ohr und zog die Bettdecke darüber.

„So ein Mist!“, schimpfte dieser jemand. Danach hörte man eine Weile nichts. Plötzlich klang es, als würde eine rostige Sirene angeworfen werden.

„Kihü...kh...kikü...khkhkh...kiri...kü“, dann hustete der Unsichtbare, denn sehen konnte man niemanden.

„Hilfe!“, tönte es noch einmal, und dann mit aller Kraft, „HILFE, ich erstickerikikikiki!“

Emma zuckte zusammen. Sie schreckte hoch, und die Hängematte, in der sie lag, verdrehte sich. Mit fürchterlichem Krachen fiel Emma auf die Nase. Wütend sprang sie auf die Beine.

„Wo steckst du?“, schrie sie laut. „Wo hast du dich verkrochen, du elendes Flattergespenst.

„Ich bitte darum, dass man mich höflich bei meinem Namen nennt“, nuschelte es im Kleiderschrank.

Emma riss die Tür auf. „Also, Prinz Hühnerschreck, was ist los, warum steckst du im Schrank?“

„Graf bitte sehr, Graf Gockel, das ist mein Name. Und hier verstecken muss ich mich, weil plötzlich ein ganz lilafarbener Arm mit großen Saugnäpfen aus dem Wasser kam. Er warf einen Zettel an Bord und schnappte dann nach mir.“

„Oh, das war Lola Lila, die Riesententakelkrake aus dem verwunschenen Meer. Die frisst zum Frühstück gerne mal so einen Hühnervogel wie dich.“

„Ich bin kein Hühnervogel, ich bin ein Hahn, ein gräflicher Hahn sogar, Graf Gockel.“

„Ja ja ja Graf Kikeriki, sag schnell, was steht auf dem Zettel?“

„Wir müssen sofort unseren Ankerplatz im Wolkenhafen verlassen. Unten auf der Erde sind schlimme Dinge passiert. Bei einem grässlichen Gewitter hat der Blitz ein großes Loch in einen Berg geschlagen. Daraus ist ein Teufel gekrochen und hat viel Unheil angerichtet.“

„Unheil?“, fragte Emma. Sie lehnte sich weit über den Rand des Schiffes hinaus. „Von hier oben sieht die Erde wunderbar blau aus, eigentlich wie immer.“

Graf Gockel sah sie traurig an. „Hier steht, dass er den Stab der guten Wünsche geklaut hat. Er soll ihn in einer Truhe tief auf dem Meeresboden versteckt haben.“

„Ach du Schreck“, Emma Regenwasser wurde ganz blass. „Ohne den Stab der guten Wünsche würde es allen Kindern auf der Erde bald schlecht gehen. Sie werden hungern und frieren, sogar sterben, wenn wir nicht helfen.“ Emma griff nach ihrer Kapitänsmütze, denn sie war das erste Kapitänsmädchen, dass auf einem großen Schiff die Befehle gab.

„Prinz Hühnerhabicht, lichte den Anker und setze die Segel, wir brechen sofort auf.“

„Graf bitte, Graf Gockel, wie oft muss ich das noch sagen, und außerdem will ich nicht mitkommen, nicht schon wieder so eine Reise. Noch von der letzten Fahrt ist mir ganz schlecht. Ich werde seekrank, ich muss spucken, mir wird ganz schwindelig und ich habe Angst vor Wasser.“ Graf Gockel heulte richtig los, aber Emma blieb eisern.

„Wir müssen die Kinder retten und du kommst mit. Wenn dir schlecht wird, dann kannst du dir eine Plastiktüte um den Hals hängen und da hineinspucken.“

Graf Gockel war ein ziemlich ängstlicher Hahn. Als er noch ein ganz kleines Hühnerei war, da entführte ihn eine diebische Elster aus dem Stall seiner Mutter. Sie konnte das Ei aber nicht wirklich gut in ihren Krallen festhalten und so verlor sie es, als sie über das stolze Segelschiff „Seeblitz“ flog. Emma Regenwasser konnte es gerade noch auffangen, bevor es auf das Deck ihres Schiffes klatschte. Einen Moment lang überlegte sie, ob sie sich davon ein Rührei machen sollte, aber dann beschloss sie, es auszubrüten. Heraus kam ein Hahn, der sich für etwas Besseres hielt. Gerne stand er vor dem Spiegel, betrachtete sein Federkleid und behauptete, dass er eigentlich ein Papagei sei, aber niemand das verstehen würde. Emma liebte ihn trotzdem. Graf Gockel war ein ausgezeichneter Matrose und ein super Steuermann auf ihrem Schiff. Sie hätte sich nur gewünscht, dass er statt der Eitelkeit ein wenig mehr Tapferkeit besessen hätte. Angst hatte er wirklich vor fast allem. Vor dem Wind, vor Wasser, vor anderen Tieren, vor lauten Geräuschen, vor dem Schiff sogar, wenn es bei einem Sturm auf dem Wasser umherhüpfte. Nur vor Kindern, vor denen hatte er keine Angst, die mochte er sehr. Die Kinder waren es, die vor einiger Zeit das uralte Segelschiff „Seeblitz“ wieder flott gemacht hatten. Es war aus einem Märchenbuch herausgefallen und lag einsam und ganz grau im Hafen. Die Jungen und Mädchen einer dritten Schulklasse hatten es entdeckt. Sie putzten es und strichen es an. Die Mütter nähten neue Segel, während die Väter alles reparierten, was nicht mehr ganz heil war. Dann wurde eine große Versammlung abgehalten und einstimmig ernannte man Emma Regenwasser zum Kapitän. Sie konnte am Besten schwimmen und kannte fast alle Märchen auswendig. Das war sehr wichtig, denn die „Seeblitz“ war verzaubert und mit ihr erlebte man eine Menge Abenteuer. Nachdem sie wieder stolz und schön hergestellt war, verließ sie die Erde und nahm ihren Platz hoch oben in den Wolken ein. Dort ankerte sie in einem watteweichen Hafen. Emma musste jeden Tag hinunterschauen und den Kindern helfen. Einmal war der Schulbus kaputt und alle Kinder fuhren an diesem Tag mit dem großen Segelschiff zur Schule. Ein anderes Mal hatten die Kinder in Afrika keine Schulbücher und Emma machte sich auf die Reise um welche hinzubringen. Ganz oft mussten Emma und ihr Freund Graf Gockel Haustiere suche, die sich verlaufen hatten und nicht mehr zu ihren Menschen zurückfanden. Und nun war also diese schreckliche Geschichte passiert. Von dem Gewitter wurde ein Teufel geweckt und der hatte den Stab der guten Wünsche tief im Ozean versteckt. Der Stab der guten Wünsche war der wichtigste Zauberstab auf der ganzen Welt. Er hatte die Gabe Kinder glücklich zu machen. Wenn ein Kind krank war, dann nahm es ihn in die Hand und es hatte sofort keine Angst mehr vor einer Operation. Hungerten irgendwo auf der Welt die Kinder, dann gab der Stab ihnen Kraft um die Eltern auf dem Acker bei der Arbeit zu unterstützen, so dass es bald wieder genug Getreide und Gemüse zu essen gab. Das Schönste und Wichtigste an dem Stab aber war, dass er Märchen erzählen konnte, und Märchen liebten alle Kinder, egal wo sie zu Hause waren.

Emma schaute über die Reling des Schiffes nach unten zur Erde. Ganz grau sah sie plötzlich aus, richtig ungesund. Hier musste schnell geholfen werden.

„Graf Federvieh“, rief sie laut. „Hast du eine Idee, wie wir in den Ozean hinabtauchen können?“

„Nein, nein, nein“, Graf Gockel schüttelte energisch den Kopf. „Wir haben ein Segelschiff und kein U-Boot, tauchen geht gar nicht, da mache ich nicht mit, das will ich nicht, das kann ich auch nicht, ich kriege unter Wasser keine Luft. Wie stellst du dir das vor? Gibt es Taucherausrüstungen für einen Hahn? Und dann die ganzen Viecher im Wasser. Da gibt es Tiere, die sind ziemlich gefährlich. Die großen Blasenheringe zum Beispiel, die knallen immer so laut das man sich erschreckt, oder die Wasserkatzen, die hauen mit ihren Krallen lange Schlitze in unsere Segel. Die gelben Augenmuscheln beobachten einen den ganzen Tag, da kann man noch nicht einmal in Ruhe Pipi machen. Kannst du dich noch an die Seenadeln erinnern? Die hatten mir Ruckzuck alle Hosenbeine von meinem Schlafanzug zugenäht. Beim Anziehen bin ich so heftig auf meinen Schnabel gefallen, dass der ganz verbogen war. Und erst diese Regenbogenfische...“

„Genau“, unterbrach ihn Emma, „das ist die beste Idee, die du jemals hattest. Wir rufen die Regenbogenfische.“ Schon sauste sie los zur großen Schiffsglocke und bimmelte damit so laut, dass sich der Graf die Ohren zuhielt. Sie musste gar nicht lange läuten. Das große Spektakel begann schon bald. Jeder Regenbogenfisch, und es waren viele, schickte eine Farbe vom Meer hinauf in die Wolken. Zuerst kam ein grüner Streifen, dann ein gelber, einer in orange, einer in lila, blau, rosa, rot, türkis, weiß und tatsächlich auch ein goldener. Alle Streifen bündelten sich zu einer knallbunten Brücke zusammen und auf dieser rutschte die „Seeblitz“ ganz langsam zur Erde hinunter. Sie tauchte mit ihrer Bugspitze vorsichtig in das Wasser ein. Graf Gockel holte tief Luft und stülpte sich ein altes Marmeladenglas über den Kopf.

„Hoffentlich überlebe ich diese Reise“, jammerte er, dann schlugen die Wellen über ihm zusammen.

Emma Regenwasser schaute auf ihren Unterwasserkompass. Sie wusste nicht in welche Richtung sie ihr Schiff steuern sollte. Wo mochte die Truhe versteckt sein? Musste sie nach Amerika fahren, oder nach China? War das Versteck in der Ostsee oder in der Nordsee? Plötzlich sah sie in der Ferne ein lila Krakententakel winken.

 

Sie rief „Volle Fahrt voraus!“, und die Segel blähten sich mit der Wasserströmung voll auf. Irgendwie kamen sie aber nicht voran. Woran mochte das nur liegen? Die „Seeblitz“ bewegte sich so träge, als würde sie durch einen großen Pudding schwimmen. Ringsumher tauchten durchsichtige Teller auf. Graf Gockel staunte. Teller? Hier unter dem Wasser? Wer sollte davon essen? Alles würde davonschwimmen. So ein Blödsinn. Was waren das nur für seltsame Gebilde? Es wurden immer mehr, sie wabbelten um den dicken Bauch des Schiffes herum und der Hahn war sehr froh, dass sein Kopf in dem Marmeladenglas steckte, denn im Schnabel mochte er solch ein schwabbeliges Wesen nicht haben. Es dauerte nicht lange, und sie steckten richtig fest. Nun war guter Rat teuer. Wie kamen sie aus dieser glitschigen Masse bloß wieder heraus?