Wismar 2094

Kapitel 3 - Duschklo, Hundewindeln und ein Dieb

 

„Lass endlich lo...!“

Annas Mund blieb beim Buchstaben o wie eingefroren stehen. Ihre Lippen waren rund geformt und ließen eine kleine Öffnung frei. Man hätte direkt mit dem Finger an ihre Zähne stupsen können. Vorsichtig drehte sie den Kopf nach links und rechts. Was war hier los?

Paul hatte natürlich noch nichts geschnallt. Triumphierend riss er seiner Schwester den tolino aus der Hand und bemerkte dann erst, dass sich um ihn herum alles verändert hatte.

Mit nackten Füßen, so wie er zu Hause meistens herumlief, stand er draußen in tiefster Moddergatsche. Er öffnete den Mund, um irgend etwas zu sagen, als Crazy fröhlich bellte. Der begriff als Erster, wo er war, hob ein Bein und pinkelte gegen die Mauer, an der er stand.

„So eine Sauerei!“ Eine Frauenstimme riss die Kinder aus ihrer Erstarrung.

„Warum geht euer Hund nicht auf die Duschtoilette? Habt ihr ihm das nicht beigebracht? Wenn die Kontrolleure euch erwischen, dann muss er einen Monat lang Hundewindeln tragen. Ist euch das nicht peinlich?“

„Hundewindeln?“ Der Mund von Anna war wieder zum Leben erwacht.

„So ein Quatsch, Windeln und Duschtoiletten für Hunde, seit wann gibt es denn so was?“

„Der Stadtrat hat das schon 2050 eingeführt“, antwortete die Frau, die einen braunen Arbeitsanzug trug. „Passt ihr in der Schule nicht auf? Die Geschichte Wismars ist seit 30 Jahren Pflichtfach. Jeder sollte über seine Heimat genau Bescheid wissen.“

„Gott sei Dank sind wir immer noch in Wismar!“ Paul hatte seine Sprache auch wiedergefunden.

„Paul!“, Anna fing an zu weinen. „Paul, wo sind wir? Ich habe Angst! Warum sind wir plötzlich irgendwo draußen? Wo ist mein Kinderzimmer und wo ist Mama? Ich habe doch heute Geburtstag. Was ist bloß passiert?“

„Nicht weinen Anna. Das finden wir alles noch heraus. Auf jeden Fall sind wir in Wismar, das ist schon mal gut.“

 

Er schaute die unbekannte Frau an und fragte: „An welcher Stelle in Wismar sind wir denn?“

„Auf der größten Ausgrabungsstätte seit Jahrzehnten“, sagte sie. „Erkennt ihr das nicht?“

Sie stemmte die Arme in die Hüften und sah die Kinder zweifelnd an. Eine komische Unterhaltung hatten die geführt. Die mussten doch wissen wo sie waren.

Paul nahm sein Schwesterlein in den Arm und sah sich um. Hinter ihnen ragte eine alte Backsteinmauer etliche Meter hoch in die Luft. Daneben stand ein Bauwerk mit gewölbten Fenstern und dahinter wiederum sah es aus wie eine Schule. Ja verdammt noch mal, und als er zwischen die Bäume hindurch guckte, erkannte er auch das Gebäude von der Diakonie. Sie standen also an der alten Stadtmauer neben der Goethe-Schule. Aber igitt, die Erde war ringsherum aufgerissen, und weil es geregnet hatte, war es ziemlich matschig. Man hatte mit Seilen quadratische Flächen abgesperrt und eingeteilt. Überall lagen Schaufeln und anderes Gerät umher. Große Siebe waren auch dabei. So etwas hatte Paul schon mal in einem Westernfilm, in dem nach Gold geschürft wurde, gesehen. Gab es an der Stadtmauer Gold? In der Zeitung stand nichts davon.

Gerade, als er die Dame fragen wollte, kam ein komisches Ding angesaust. Eine Kiste hielt zischend vor ihnen an. Sie war etwa so groß wie ein bequemer Fernsehsessel und pendelte leicht hin und her. In ihr saß ein alter Mann.

„Na Frau Professorin Kiefer“, lachte er fröhlich. „Sind meine Besucher endlich angekommen?“

Anna hörte auf zu weinen und die Kinder starrten den Mann an. Sie erkannten ihn sofort. Das war der Opa von dem mysteriösen Foto aus dem Welt-Erbe-Haus.

 

„Da staunt ihr, was?“ Er plapperte gleich weiter. „Wollt ihr mit zu mir in meine Wohnung kommen. Ich glaube, ich muss euch eine Menge erklären.“

Paul verstand zwar noch immer nichts, war aber froh, dass endlich etwas passierte. Die nackten Füße in dem Matsch waren inzwischen furchtbar kalt geworden.

„Gut“, sagte die Frau und sah Pauls Füße und Crazy nachdenklich an.

„Herrjeh“, der alte Mann machte ein bedrücktes Gesicht. „Wie seht ihr denn aus? Ab ins Duschklo mit dir und dem Hund, ich bringe euch hin.“

Sein komisches Gefährt schwebte voraus. Paul und Anna hielten sich ganz fest an den Händen und folgten ihm. Ihnen war unheimlich zumute.

„Ich kann verstehen“, sagte der Alte, „dass ihr Angst habt. Braucht ihr aber nicht. Annas tolino hat euch hierher gebracht. Naja, die blaue App darauf, um ganz genau zu sein. Die haben Studenten von mir entwickelt. Es ist eine Zeitreise-App, die siebenundzwanzigste inzwischen. Wir forschen und entwickeln schon seit Jahren daran herum. Bin ich froh, dass es endlich geklappt hat, auch wenn ich euch eigentlich erst als Erwachsene hierher holen wollte. Ihr seid im Jahr 2094 angekommen, und ich bin Benjamin. Ihr wisst schon, der Student aus dem Welt-Erbe-Haus, mit dem ihr gestern gesprochen habt.“

 

Seine Plauderei nahm ein Ende, weil sie an einem runden Glaskasten in der Mecklenburger Straße angekommen waren. Bei Berührung schoben sich die Wände auseinander und gaben eine glatte, in der Mitte durch einen Sockel getrennte Fläche frei.

„Bitte einzutreten“, sagte Benjamin. „Die blaue Fläche ist für Hunde, die dürfen dort ihr Geschäft verrichten. Das weiße Feld ist für Menschen. Man kann da Schuhe putzen, oder von diesen altmodischen Fahrrädern die Reifen waschen und ähnliche Sachen machen. Ein Klo ist das aber nicht.“

Crazy schien das schnell begriffen zu haben. Ruckzuck hockte der sich hin und machte sein Häufchen. Schwanzwedelnd kam er wieder raus. Die Wände glitten ineinander und man konnte durch das Glas sehen wie die blaue Fläche umkippte und plötzlich alles wieder sauber war.

„So“, sagte Benjamin zu Paul, „jetzt bist du dran. Keine Angst, die weiße Fläche kippt nicht um. Du musst dich nur darauf stellen und abwarten.

Zögerlich stieg der Junge in den Glaskasten. Es roch darin wie frisch gewaschene Wäsche. Das hatte er jetzt nicht erwartet. Wenn Crazy sonst irgendwo einen Haufen hinsetzte, oder mal in der Wohnung pupste, dann war Pauls Nase total beleidigt.

Die Wände rutschten leise ineinander. Eine ziemlich nette Stimme fragte: „Schuhe putzen, Reifen waschen oder etwas anderes?“

„Ich habe dreckige Füße.“, antwortete Paul.

„Speckige Füße? Dafür habe ich kein Programm. Auf Wiedersehen.“

„Nee, nein, hallo! Ich meine bitte einmal Füße waschen.“

„Programm großes F wird gestartet, bitte ziehen Sie Schuhe und Strümpfe aus.“

„Ich habe keine an.“, sagte Paul.

„Es ist egal ob Sie kleine anhaben, Sie müssen sie ausziehen.“

„Nein, nein“, lachte Paul. „Ich bin schon barfuß.“

„Das heißt bargeldlos“, sprach die Stimme, „aber hier brauchen Sie ohnehin nicht zu bezahlen, das ist ein Service der Stadt Wismar.“

„Bitte einmal Füße waschen!“ Paul wiederholte seinen Wunsch.

„Das sind schon zweimal“, sagte die Stimme. „Gut, dann nehmen wir die doppelte Menge.“

Aus dem Fußboden kamen plötzlich kleine Bürsten geschossen. Sie begannen wie verrückt Pauls Füße zu schrubben. Von irgendwoher rauschte warmes Wasser heran, das ihm sehr schnell bis an die Knöchel reichte. Das kitzelte unglaublich, es war nicht zum Aushalten. Er hüpfte von einem Bein auf das andere und sprang schließlich mit einem Satz hinüber auf die blaue Hundefläche.

Die Wände gingen auf, es machte pfft, ein Luftstrahl aus frischem Wäscheduft klatschte ihm an den Po und er war wieder draußen.

Anna lachte und lachte und kriegte sich kaum wieder ein. Paul hingegen überlegte, ob er beim nächsten Mal das Programm kleines f ausprobieren sollte. Was dann wohl passierte?

Benjamin nahm ihn in Empfang.

„Jetzt aber schnell zu mir, bevor du kalte Füße bekommst. Zu Hause besorge ich dir was zum Anziehen.“

Sie schlenderten zurück zur Diakonie. Frau Professorin war ein wenig ungehalten. „Das hätten sie mir aber auch sagen können, dass die Kinder mit der Zeitreise-App kommen. Ich war wütend, weil sie so komische Sachen sagten und der Hund an die Mauer gepinkelt hat. Irgendwie fühlte ich mich veräppelt.“ Sie sah den alten Mann streng an, musste dann aber doch lächeln.

 

In der Wohnung von Benjamin fiel Paul wie ein Stein auf das Bett im Gästezimmer. Mensch was war er müde. So einen anstrengenden Tag hatte er lange nicht erlebt. Sachen sind passiert, die würde ihm keiner seiner Freunde glauben. Vielleicht träumte er das aber auch alles nur. Bestimmt war das so, denn Zeitreisen, so etwas gab es nur im Kino. Glücklich schloss er die Augen. Wenn ich aufwache, dachte er, dann ist der Quatsch vorbei. Kein Opa in einer fliegenden Kiste, keine Hundeduschtoiletten und keine Frau Professorin Kiefer. Morgen hat mein Schwesterlein Geburtstag, dann gibt es leckere Torte. Oder war das schon heute? Habe ich geträumt, dass sie einen tolino bekommen hat? Er wusste nicht mehr was er denken sollte und schlief ein.

Anna indessen stand im Wohnzimmer von Benjamin und sah aus dem Fenster. Die Professorin und der alte Mann waren in der Küche.

Sie hatte immer noch ziemlich viel Angst. Wo war sie wirklich? Die Mecklenburger Straße und die Goetheschule hatte sie erkannt. Drumherum sah aber alles so anders aus. Heute würde sie das Rätsel wohl nicht mehr lösen. Sie war elendig müde und wartete nur noch auf einen Happen Essen. Nachdenklich strich sie über ihr gelbes Geburtstagskleid. Die rote Schleife war ganz schmutzig geworden. Da hinten musste es passiert sein, als sie sich vor Schreck an die Mauer gelehnt hatte. Vom Fenster aus konnte sie die Ausgrabungsstelle gut sehen.

Nanu, was war das denn? In der Grube bewegte sich ein Mensch. Er trug einen schwarzen Umhang mit einer Kapuze, die eine lange Zipfelmütze hatte. Immer wieder bückte er sich und schaufelte hastig die lose Erde nach draußen. Schneller und schneller flog der Dreck umher. Plötzlich reckte sich die Gestalt in die Höhe und hielt etwas in der Hand. Sie spukte auf den Gegenstand und wischte mit dem Ärmel darüber. Das Ding blinkte kurz auf, der Mensch schaute sich hastig um, sprang aus der Grube und rannte davon.

Anna schüttelte den Kopf. Das waren heute eindeutig zu viele Geheimnisse.

 

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