Wismarer Leichenschau

Titelbild und Illustrationen im Buch von Detlef Kristeleit


 

ER 

ICH WILL SIE UND ICH KRIEGE SIE!

Er peitschte seinen Körper unter Zwängen. Keine seiner Regungen durfte nach außen dringen. Selbst seinen Augen hatte er verboten, Gefühle zu zeigen. In Wahrheit aber schrie alles an und in ihm nach ihr, aber noch gehörte sie ihm nicht. Noch nicht – der Weg zu ihr war allerdings gerade frei geworden. 

 

 

Der neue herzogliche Hof 

 

Was wollte seine Braut nur in der Stadt?

Herzog Hinrich war völlig außer sich. Morgen gedachte er zu heiraten und heute, im letzten Moment, kam Helene mit dieser merkwürdigen Idee zu ihm. Sie möchte nach dem ehelichen Gelöbnis einen Spaziergang durch die Stadt machen. Man stelle sich vor - zu Fuß! Direkt von der Kirche hinein in das Gewimmel stinkender Menschen. Das durfte sie unmöglich tun. Wozu gab es Kutschen? Wurde er im Geheimen auch Heinrich der Friedfertige genannt, allein bei dem Gedanken, seine Schuhe auf die schmutzigen Straßen von Wismar zu stellen, konnte er aus der Haut fahren. Erst kürzlich hatte er beim Ordinarius, dem Bischof von Ratzeburg, eine Bitte vorgetragen. Er hielt um die Freiheit an, einen Gang vom linken Flügel seines Fürstenhofes aus über die Straße hinweg bauen zu dürfen. Aus Holz sollte dieser sein und siebzehn Fuß über dem Boden direkt im Chor von Sankt Georgen münden. In der Kirche könnte dann zwischen der Vikeschen Kapelle und der Sakristei eine Empore für ihn und seine Familie gebaut werden. Dem Bischof hatte er weisgemacht, dass er dann umso eifriger dem Gottesdienste beiwohnen könne. Der war natürlich hocherfreut und ahnte nicht, dass Hinrich nur sein feines Schuhwerk retten wollte.

Also was waren das für neuerliche Gelüste seiner Zukünftigen? Mit Begehrlichkeiten von Frauen kannte er sich aus. Helene sollte bereits seine zweite Gattin werden. Die erste war gestorben, nachdem sie ihm drei Kinder geschenkt hatte. Daher wusste er wohl, dass die Frauenzimmer zu gewissen Zeiten unberechenbar wurden. Nur, seine Helene konnte noch nicht guter Hoffnung sein. Er hatte sie nie angerührt, nein, nicht vor der Ehe, die Gebote Gottes waren ihm heilig. Vielleicht lag es an ihrer Jugend, er war mit Mitte dreißig ein gestandener Mann, während sie gerade mal zwanzig Lenze zählte. Möglicherweise war sie aber auch von ihrer Heimat geprägt. Sie kam aus Heidelberg, und im Süden des Landes hielt man viel auf Traditionen. Gefeiert wurde dort gern und oft mit dem Volk. Ihm hingegen bereitete es schon reichlich Unbehagen, wenn er sich an amtlichen Tagen auf dem Marktplatz sehen lassen musste. An seinem Geburtstag im letzten Mai drückte ihm eine Mutter ihren schreienden Säugling in den Arm. Als er spürte, dass das Kind in nassen Tüchern lag, wurde sein Körper sofort von aussätzigen Pusteln überzogen. Er hielt also nichts von zuviel Nähe. Warum wollte sie nicht im Schlosse bleiben? Um seine Braut und natürlich die Gäste zu beeindrucken, hatte er  extra einen neuen Hof bauen lassen, einen Fürstenhof. Deshalb fiel es ihm recht schwer, dem Wunsch seiner Braut nachzugeben. Dennoch tat er es. Die Trauung war für eine Stunde nach Sonnenaufgang festgelegt. Es war August und später würde es kochendheiß in der Stadt werden. So hoffte er innig, dass sie bei ihrem Spaziergange nicht allzu viele Menschen treffen würden. 

 

 

Das Grauen am Wassertor 

 

„Woher haben die Leute nur gewusst, dass wir durch die Stadt schlendern werden? Die Straßen sind so früh schon voller Menschen. Sie streuen sogar Blumen, am liebsten würde ich sie alle einladen mit uns zu feiern.“ Helene winkte freundlich nach links und rechts, während ihr frisch angetrauter Gemahl sich ein Tüchlein vor die Nase hielt.

„Sie wollen ihre neue Herzogin sehen, und natürlich Euer wundervolles Kleid. Seht ihr nicht die offenen Münder und die starren Augen? Sie können sie kaum schließen, so geblendet sind sie von Eurer Schönheit, meine Liebe!“

Der Hochzeitszug schlich nur langsam durch die Straßen. Man schlenderte von der wuchtigen, aber turmlosen Kirche Sankt Georgen die Hohe Straße, den Kirchgang, hinunter. Unmittelbar nach dem Hofstaat folgte ihnen eine Kutsche. Hinrich wollte sicher gehen, dass er mit seiner jungen Frau jeder Zeit den jubelnden Menschen entkommen konnte. Sie waren aber auch tatsächlich überall. Sogar auf dem Dach der kleineren Heiligen Geist Kirche saßen ein paar junge Burschen. Wenn sie herunterfielen, dachte er, dann könnten sie gleich in den Betten des Hospitals landen, das der Kirche zugehörig war.

„Helene, lasst uns zurückgehen. Die Menschen freuen sich, das haben wir nun gesehen. Ich möchte mich endlich an die Hochzeitstafel setzen. Was spricht dagegen?“

„Mein lieber Mann, an Eurer Seite möchte ich gleich am ersten Tag Gutes tun und allen Kirchen unserer Stadt ein Geschenk machen. Schaut, bis Sankt Nikolai ist es nicht so weit, und auf dem Rückweg kommen wir sowieso an Sankt Marien vorbei.“

„Nicht so weit?“ Hinrich schnaubte. „Die Seefahrerkirche liegt am anderen Ende der Stadt und Eure Füße zeigen geradewegs in Richtung Hafen. Wollt Ihr dort etwa auch noch hin?“

„Nur vorbei gehen, ich liebe doch das Meer so sehr. Ich hätte Euch nie geehelicht, wenn Ihr nicht soviel Wasser Euer Eigen nennen würdet.“

Er liebte ihre kleinen Scherze und war für einen Moment versöhnt.

Inzwischen hatte man die Salzene Grube überquert. Ein paar Männer standen darinnen und säuberten diesen Wasserlauf, der mit vielen anderen Gräben künstlich angelegt worden war. Auch Hinrich ließ seine Waren, die er für den Hof bestellte, vom Hafen mit kleinen Booten durch die Gräben bis in die Lagerhäuser bringen. Er konnte ihn schon riechen, den Hafen. Diese Gegend mochte er nicht. Laut war es hier! Nichts ging ohne Geschrei und Lärm vonstatten. Ohne Handel und Hafen wäre Wismar nur ein Dorf am Wasser, mit ein paar Fischerbooten geblieben. Das wusste er wohl, aber leiden konnte er das alles nicht. Am widerlichsten war der Geruch, der ihm auch jetzt langsam in die Nase kroch. Es stank geradezu erbärmlich. Das kam von den Fischen, die direkt neben den Schiffen von den Frauen ausgenommen und gewaschen wurden. So konnte man sie etwas teurer verkaufen. Hinrich sah in den Himmel. Zum Glück kreisten die Möwen nicht über ihnen, sondern warteten gierig auf die Innereien der Fische. Sie rissen den Frauen die Abfälle fast aus der Hand.

Der Herzog nahm die Hand seiner Frau. „Durch das Tor wollt Ihr aber wohl nicht gehen, oder?“ Er sah sie mitleiderheischend an. „Das könnt Ihr doch von nun an jeden Tag machen. Nehmt Euch Bedienstete und ein Pferd und lustwandelt, wo immer Ihr mögt. Lasst uns hier einfach vorbeilaufen, schnell die Straße nach Sankt Nikolai nehmen und dann bitte zurück zum Fürstenhof gehen.“ Er wollte noch hinzufügen, dass er es hier nicht mehr aushalten würde, war aber vom Gesicht seiner Frau völlig entgeistert.

So ehrfurchtsvoll konnte doch der Anblick des Hafens nicht sein, dass ihr die Augen fast aus den Höhlen traten. Den Mund offen und das Gesicht bleich wie die Laken auf der Wiese, starrte sie über seine Schulter hinweg. Alle, die ihnen bis hierher gefolgt waren, blickten stumm in dieselbe Richtung.

Hinrich drehte sich um. Dann schrie jemand so markerschütternd, dass er fast den Halt verlor. Er sah eine junge Frau in das Wassertor hineinrennen. Sie schrie noch immer, während der gesamte Hochzeitszug keinen Laut von sich gab, so erschüttert waren sie von dem Mann, der im Tor hing. An den Füßen zusammengebunden und aufgehängt baumelte der völlig nackte Leichnam mitten in der Durchfahrt des Tores. Der plötzlich aufkommende Wind bewegte ihn wie einen Glockenschwengel sachte hin und her und ließ seine Arme wie im Takt zu einer unheilvollen Musik pendeln.

Michael Beversen hing hier. Die junge Frau, die den kalten Körper fest umschlang, war seine Witwe Elisabeth. Sie schrie die Leute ringsherum an ihr doch zu helfen und ihn abzuschneiden, aber einen Toten wollte niemand anfassen. Ganz grau war er, irgendwie sah er aus wie ein Fisch, der nicht mehr ganz frisch war.

Die zuschauende Menge blieb noch immer seltsam stumm. Nicht einmal die Kinder gaben Laute von sich. Dabei waren sie es, die bei Hinrichtungen den meisten Lärm machten, die Verurteilten mit Steinen bewarfen, Spottlieder sangen und jeden Handgriff des Henkers lautstark kommentierten. Aber das hier war keine Hinrichtung. Oder etwa doch? Der junge Fischer hatte sich wohl kaum selbst aufgeknüpft!

Zu dem Wind kam plötzliche Dunkelheit. Ein Gewitter zog rabenschwarz von der Bucht her auf die Stadt zu. Es wurde so düster, dass einige Männer Fackeln anzündeten. Die Frau war unter dem Leichnam zusammengesunken. Endlich tauchten zwei Büttel auf. Die Hauptwache befand sich auf dem Marktplatz und so brauchten sie eine Weile bis runter zum Hafen. Sie drängten die Menschen auseinander und befahlen einem der Fackelträger, näher an den Gehängten heranzutreten. Gerade als die Männer den Toten berühren wollten, krachte ein Blitz in das Wasser des Hafens. Ein heftiger Windstoß jagte durch das Hafentor und drehte den nackten Mann um, bisher hatte man nur seine Vorderseite gesehen.

Die Menge raunte. Ein tiefes dunkles „Oh!“ kam aus vielen Kehlen. „Mein Gott!“, entfuhr es dem Herzog. Im Widerschein der Fackeln prangte unübersehbar seine Krone als frisches Brandmal zwischen den Schulterblättern des Toten. Dem gleißenden Licht des Blitzes folgte ein kanonenartiger Donnerschlag, der Himmel öffnete sich und Regen schoss hernieder. In die Menschen kam Bewegung. Sie hatten genug gesehen, alle rannten so schnell sie konnten zu ihren Behausungen. Der Hofstaat flüchtete mitsamt der Kutsche und das Hochzeitspaar stand bis in die Seele erschüttert vor dem Tor.

Seine schönen Schuhe waren ihm jetzt völlig egal. Hinrich konnte den Blick nicht von dem Brandmal wenden. „Ich ordere den Bericht aus der Hauptwache, sofort und ohne Rücksichtnahme auf die Hochzeitsfeier, welche bereits auf mich wartet. Sobald bekannt ist, wie mein Zeichen auf den Rücken des Unglücklichen kam, will ich es wissen. Bringt den Leichnam zu den Antonitern, die sollen ihn aufbewahren und bei seiner Untersuchung helfen. Und holt schnell eine Kutsche, meine Gemahlin ist völlig durchnässt und muss in den Fürstenhof zurück.“ Das herrschaftliche Paar verschwand.

 

Zurück blieb eine verzweifelte Frau. Einer der Büttel bedrängte sie. „Geh nach Hause, geh! Du kannst hier nichts mehr tun. Dein Mann ist tot. Ob Du hier nun rumstehst und heulst, oder daheim heulst, das ist egal. Geh einfach, wir geben Dir Bescheid, wenn Du zur Wache kommen sollst.“ Er schupste sie leicht an und bedeutete ihr, den Ort zu verlassen. Schwer schleppte sie sich davon. Den toten Körper von Michael Beversen luden sie auf einen Holzkarren der Fischer, bedeckten ihn mit einem alten Sack und rumpelten mit ihm davon.

Einige Meter weiter, die Spiegelbergstraße hinauf, stand ein Mann in einem Torweg. Niemand hatte gesehen, wie er die beiden jungen Frauen mit brennenden Augen verschlang und niemand hörte wie er murmelte: „Ich will sie und ich kriege sie!“

 

Die Badefrau 

 

„Jetzt willst Du zu Deiner Badefrau?“ Hinrich vergaß vor Empörung seine gute Erziehung und die dritte Person, in der er seine Frau stets ansprach. „Die Gesellschaft wartet auf uns. Vor ein paar Stunden standen wir vor dem Altar und wurden vermählt. Alle von Rang und Adel sind im großen Saal versammelt, um mit uns zu feiern. Und Du willst jetzt baden? Helene, Dein Benehmen kann ich nicht gut heißen. Du badest ständig, erst heute Morgen, noch vor dem Kirchengang, habe ich Dich aus den Kellergewölben kommen sehen. Reinlichkeit in allen Ehren, aber Du wirst noch krank werden vom vielen Wasser.“

„Nur eine kleine Weile, ich bin so durchgefroren von dem Regen. Unseren Gästen könnt Ihr ja erzählen, dass ich mich nach diesem schrecklichen Erlebnis besonders schön herrichten möchte. Seid mir nicht gram, ich bin bald zurück.“ Sie lächelte ihn verschmitzt an, huschte an ihm vorbei und klapste mit der Hand auf seinen Hintern, soweit es bei der steifen Hochzeitsrobe, die er trug, möglich war. Er schüttelte den Kopf. „Ob dieses Kind die richtige Frau für ihn war? Sicher, sie war sehr gebildet und die Verbindung mit dem Kurfürsten Philipp von der Pfalz wohldurchdacht und nur von Vorteil. Allein seine erste Frau Ursula, Gott habe sie selig, war ernsthaft und eine treue Verfechterin der neuen Lutherschen Lehre, so wie auch er alles Evangelische als einzige Gotteslehre anerkannte. Die neue Gattin war so ganz anders.“ Er seufzte und verließ die gemeinsamen Gemächer.

Helene begab sich durch den geheimen Wendelgang in das Kellergewölbe. Dort hatte sie, gleich nachdem feststand, dass sie Hinrich heiraten würde, eine Badestube in Auftrag gegeben. Die alte Badefrau wartete schon. Ein großer Bottich mit warmem Wasser stand bereit. Ein Duft nach Kräutern und feinen Tinkturen lag in der Luft. „Mechthild, hast Du alles bereitgelegt? Und ist auch noch genug von der feinen Ingrediens vorhanden? Du weißt, heute Abend muss ich ein weiteres Mal baden.“ Mechthild nickte beflissen. Sie kannte Helene schon von Geburt an. Keine Gesellschaftsdame oder Blutsverwandte stand der jungen Herzogin so nahe wie sie. Jede Krankheit konnte sie bisher heilen, jedes Ungemach von ihr fernhalten. Im Grunde war sie mehr als eine Zofe, Badefrau oder Gefährtin, - sie war die innigste Vertraute, die Helene hatte. Deshalb konnte diese auch sämtliche Sorgen und Nöte bei ihr abladen. Alles was sie als Kind, junges Mädchen, oder jetzt als Ehefrau bedrückte, erzählte sie Mechthild bis in die kleinste Einzelheit. So wurde sie auch die Sorge um die Zukunft ihres Ehebundes bei ihr los. Wohl hatte Hinrich bereits drei Kinder, aber wer konnte versprechen, dass auch sie ihm welche schenken würde? Ihre beiden Schwestern waren kinderlos geblieben. Dieses Schicksal wollte sie nicht teilen. Also musste Mechthild ihr ganzes Wissen aufbringen, um sie davor zu bewahren. Dreimal täglich nackt in den Badebottich steigen, heißes Wasser mit etlichen Handvoll Pflanzen vermengen und die feine Ingrediens, das sollte für einen gesunden Erben sorgen. Helene glaubte es und begab sich bedingungslos in die Hände ihrer Kräuterfrau. Das konnte sie ohne Bedenken tun, denn Mechthild würde selbst unter größter Pein nichts verraten.

Mechthild hatte keine Zunge! 

 

 

Ein guter Freund aus alten Zeiten 

 

Schon am Nachmittag desselben Tages musste Elisabeth auf der Hauptwache am Marktplatz erscheinen. Hochnotpeinlich wurde sie befragt. Warum ihr Mann des Nachts nicht zu Hause war? Was für eine Frage, als ob nicht alle Menschen am frühen Morgen zum Hafen gerannt kämen, um frischen Fisch zu kaufen, da brauchte tagsüber niemand fischen gehen. Mit wem er Händel gehabt hätte in der letzten Zeit? Das war doch auch sonnenklar! Jeder Fischer hatte mit jedem anderen Fischer Reibereien. Wenn es nicht um die Preise und größten Fische ging, dann schlugen sie sich wegen der Mädchen oder eines verschütteten Bieres in der Gastwirtschaft. Oft genug kam auch ihr Michael mit einem blauen Auge heim, aber nie mit kaputten Knochen. So sehr prügelten sie sich nun wieder nicht, wussten sie doch, dass die Fischerei ein harter Beruf war und nur mit gesunden Gliedmaßen die Familien satt werden konnten. Umgebracht haben sie sich nie! Das taten vielleicht die Seeleute auf den großen Schiffen, aber diesen Raubeinen gingen alle Fischer aus dem Weg. Ja, möglicherweise haben die ihren Mann überfallen, sonst würde ihr niemand einfallen. Tja und das Mal? Wie bei einem Gaul hatte man das Zeichen in seine Haut gebrannt. Am Tag vorher war das gewiss noch nicht da, das konnte sie beschwören. Als er sich wusch, da hatte sie ihn beobachtet und seinen sehnigen Körper bewundert. Die Jungs von den Fischerbooten waren kräftig und zugleich geschmeidig, so einen wünschten sich viele Mädchen zum Mann. Nur den Fischgestank wollte keine. Elisabeth lächelte sachte. Sie war daran gewöhnt, auch ihr Vater und ihre Brüder waren Fischer.

Da sie keine besonderen Aussagen machen konnte, ließ man sie bald wieder laufen. Leise vor sich hin weinend schlich sie durch die Stadt. Plötzlich stupste sie jemand an. „Lisbeth Beversen, wo willst Du denn hin, ja und warum weinst Du so?“ Elisabeth sah erstaunt auf. „Andreas, das ist ja eine Überraschung, so lange warst Du weg. Hier sind schlimme Dinge geschehen, Michael ist tot.“ Sie griff nach ihrer Schürze und wischte sich über das Gesicht. Der junge Mann, der sie eben noch mit strahlenden blauen Augen angesehen hatte, kniff die Lider jetzt bis auf einen Strich zusammen. „Was?“ Er ergriff sie bei den Schultern und schüttelte sie kräftig durch. “Solche Scherze mag ich gar nicht, sag mir die Wahrheit, was ist geschehen? Du veräppelst mich, oder?“

„Und ich mag nicht, dass Du mir wehtust.“ Elisabeth wand sich aus seinen groben Händen. „Nein, es ist kein Scherz, heute früh, etwa zwei Stunden nach Sonnenaufgang, fanden wir ihn. Kopfüber und nackt aufgehängt im großen Tor am Hafen. Keiner hatte etwas mitbekommen, er musste schon die ganze Nacht dort gehangen haben. Selbst die Fischer wissen nichts.“ Sie fing wieder an zu weinen und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Andreas stand einfach nur so da und hielt sie fest. Sein bester Freund Michael war tot? Unglaublich! Der Gefährte aus Kindertagen lebte nicht mehr? Das war nicht so einfach zu begreifen. Damit hatte er den besten Menschen, den er kannte, verloren. Sie hatten alles geteilt, immer. Als Kind die Prügel der Eltern, als junge Burschen das letzte Bier, als Männer das Boot und die Fische, und natürlich die Mädchen. Bis auf das Lieschen, die bekam der Bessere von ihnen. Er strich ihr sanft über den langen Zopf, der schwer den Rücken hinunterhing. Als Michael Elisabeth zum Altar führte, stach es ihm ins Herz. Er überließ seinem Freund die Hälfte des Bootes und heuerte auf einer Karavelle an. Wohin die Reise ging war ihm egal, nur weit weg wollte er sein. Gestern, nach ungefähr drei Jahren legte das Schiff wieder in Wismar an. Andreas schüttelte den Kopf. So hatte er sich das Wiedersehen nicht vorgestellt. „Wo willst Du jetzt eigentlich hin, soll ich Dich nach Hause begleiten?“ „Nein danke Andreas, ich komme gerade von der Hauptwache und gehe jetzt nach Sankt Nikolai rüber. Mit dem Pastor muss ich die Beerdigung besprechen und auch beim Syndikus muss ich noch vorbeischauen. Wenn du magst, kannst Du mich gerne begleiten, dann ist es leichter.“ Wieder wischte sie an ihren Augen herum. Die Tränen flossen unaufhörlich. „Sehr gerne Engelchen, ich lasse Dich jetzt nicht allein.“

„Ein Engel?“ Sie sah zu ihm auf. „Das ist mein Michael wohl jetzt, verdient hätte er es.“ 

 

 

ER

Heute war sie mir ganz nah. Ich habe ihren Duft noch immer in meiner Nase. Ihr langes helles Haar macht mich verrückt. Auf ihrem Ärmel hat eines gelegen. Sie hat nicht gemerkt, dass ich es genommen habe, eines von vielen, die ich seit Jahren in einer Schachtel aufbewahre. Es ist noch viel zu früh, ich muss mich zügeln. Das Trauerjahr muss ich abwarten. Halte ich das aus? Geißeln werde ich mich müssen, Essig durch die Nase gießen, damit ich ihren Geruch wieder loswerde. Wie schafft sie es nur, den Fischgestank zu übertönen. Sie ist wunderbar. Ich muss, ich muss, ich muss, immer nur muss ich! Wann darf ich endlich, und wird sie es auch mögen? Wird sie es wollen, wenn ich mich ihr offenbare? Geduld, noch ist sie nicht soweit. Meine Zeit kommt noch. Ich will sie und ich kriege sie!

 

 

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